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Legastheniekorrektur nach Ron D. Davis

Therapie einer besonderen Begabung. Der Durchbruch in der Legastheniebehandlung mit der Davis-Methode und kognitiven Verhaltensprogramme für POS, ADD, ADS


Inhalt

Ein neues Modell zum Verständnis von Legasthenie

Gemeinsame Merkmale, die von allen Legasthenikern geteilt werden

Erkennungs- und Wahrnehmungsprozess

Anatomie eines legasthenischen Symptoms

Zwanghafte Lösungen

Kontrolle und Verhindern von Desorientierung

Auflösen zwanghafter Lösungen

Korrektur der Legasthenie – das tägliche Training

Kontrolle der Desorientierung

Das Verhindern der Desorientierung

Auflösen zwanghafter Lösungen

Ergebnisse des Programms Orientierungsberatung
nach Davis

Definition der Legasthenie nach Ron. D. Davis

 

Eine grundlegend neue Sicht der Legasthenie stellt Ron D. Davis vor. Die Behandlung oder richtiger die Korrektur der Legasthenie setzt nicht an bei einem Defizit, stellt also nicht eine Lernbehinderung oder sonstiges in den Mittelpunkt, sondern sieht den einzelnen als eine Person, die über eine natürliche Fähigkeit oder ein «Talent» verfügt, das aber – falsch verwendet – zu Fehlleistungen und Fehlern führen kann.

Definition

Die Legasthenie kann als eine Art von Desorientierung definiert werden, die eine natürliche kognitive Fähigkeit als Ursache hat, die normale Sinneswahrnehmungen durch Begriffsbildungen ersetzt. Wenn diese Fähigkeit bei Reaktionen auf Verwirrung aktiviert wird, die Symbole betreffen, kann sie Schwierigkeiten beim Lesen, beim Schreiben, beim Sprechen, beim Rechnen, beim Koordinieren und/oder bei der Aufmerksamkeitsspanne verursachen. Legasthenie wird zur Lernbehinderung, wenn ein Individuum gezwungen ist, in einem verwirrten Zustand Informationen aufzunehmen, und sich zwanghafte Lösungsmuster aneignet. Legasthenie ist keine Komplexität. Sie ist eine Zusammensetzung einzelner Faktoren, die Schritt für Schritt behandelt werden können.

Die Korrektur – ein pädagogisches Modell

Die Behandlung nach Davis hat zum Ziel, eine als Lernbehinderung erscheinende Legasthenie zu korrigieren. Damit die negativen Aspekte der Dyslexie nicht länger ein Problem für den Legastheniker sind, werden ihm Werkzeuge in die Hand gegeben, die ihm helfen, zum Beispiel Fehler beim Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermeiden. In diesem Sinne ist die Davis-Methode zu verstehen als ein pädagogisches Beratungsmodell als eine Heiltherapie. Die Arbeit an der Legasthenie vollzieht sich in der Regel in drei Phasen: 1. eine Intensivphase (dreissig bis vierzig Stunden), 2. eine Kontrollphase und 3. die lebenslange Auseinandersetzung und das selbstverantwortliche Weiterarbeiten des Legasthenikers mit den erworbenen Werkzeugen.

Ein neues Konzept von Legasthenie – neue Lösungen

Bei der Davis-Methode® handelt es sich um eine grundsätzlich neue Auffassung von dem Zustand, den wir als Legasthenie bezeichnen. Er erfordert ein Verstehen der verschiedenen kognitiven Faktoren, die die legasthenischen Symptome verursachen. Diese verschiedenen Faktoren sind in vier Kategorien einzuteilen: 1. Gemeinsame Merkmale, die von allen Legasthenikern geteilt werden; 2. Erkennungs- und Wahrnehmungsprozesse von Legasthenikern; 3. Anatomie eines legasthenischen Symptoms und 4. Zwanghafte Lösungen des Problems von Dyslexie. Die kognitiven Faktoren innerhalb dieser vier Kategorien verursachen viele beobachtbaren Phänomene des legasthenischen Zustandes und erklären die Variationen von Art und Intensität der Symptome.

Gemeinsame Merkmale

Legasthenie ist zu verstehen als ein Produkt aus drei Faktoren: 1. Denken, 2. Talent oder natürliche Fähigkeiten, 3. die Art des Legasthenikers, mit dem Erlebnis bzw. der Emotion «Verwirrung» umzugehen.

Das Denken

Der erste Faktor betrifft die Fähigkeit der schnellen, bildhaften, räumlichen Begriffsbildung, das heisst von nonverbalem oder Bilderdenken, sowie einem schnellen Erkennen von Situationen. Wenn man zum Beispiel die Augen schliesst und sich einen Apfel, einen Elefanten oder sein Zuhause vorstellt, ist man in der Lage, vor dem geistigen Auge diese Dinge genau zu sehen. Legastheniker tendieren dazu, hauptsächlich in Bildern und nicht in Wörtern – einem inneren Gespräch oder Dialog mit sich selbst – zu denken. Obendrein verfügen sie häufig über eine sehr lebhafte Phantasie.

Talent/natürliche Fähigkeit

Der zweite Faktor hat mit etwas zu tun, das ziemlich nahe dem Begriff Talent kommt. Die Legastheniker benutzen aktiv die Fähigkeit des Gehirns, Sinneswahrnehmungen zu verändern oder zu erzeugen. Sie können ein mentales Bild so registrieren und beinah als Realität empfinden, als ob es sich um eine Wahrnehmung von etwas tatsächlich Geschehenem handelt («perceptual distortion function»). Das folgende Beispiel mag das verdeutlichen: Wenn Sie schon einmal in einem stehenden Zug gesessen, gleichzeitig aber ausserhalb etwas sich bewegen gesehen haben und dann selbst das Gefühl hatten, sich zu bewegen – dann haben Sie eine Vorstellung davon, was mit Desorientierung/Verwirrung gemeint ist. Diese Wahrnehmungsillusion wurde dadurch ausgelöst, dass Sie Ihre Augen auf ein Objekt gerichtet hatten, welches als stehend und unbeweglich wahrgenommen wurde. Wenn sich nun das beobachtete Objekt bewegt, senden die Augen diese Botschaft und gleichzeitig die Gleichgewichts- und Bewegungssinne die entgegengesetzte Information ans Gehirn. Der Konflikt dieser sensorischen Informationen veranlasst das Gehirn, beide Wahrnehmungen in Einklang zu bringen. Das Resultat führt dann zu der beobachteten Desorientierung. Der Unterschied zwischen dem, was Ihnen passiert ist, und dem Erlebnis eines Legasthenikers im Klassenzimmer besteht einzig in der Unterschiedlichkeit der Reize, die die Verwirrung auslösen.

Beim Legastheniker wird eine solche Desorientierung auch durch Verwirrungen ausgelöst, die mit der Identität oder mit der Bedeutung eines Symbols zusammenhängen. Die Symbole sind in den Denk- und Erkennungsprozess so integriert, dass in Begriffen gebildete Interpretationen und Bilder oft als reale Wahrnehmungen erlebt und gedacht werden.

Es scheint, dass Legastheniker einen bewussten Zugang zu dieser Funktion des Gehirns haben. Irgendwann in den ersten Monaten des Lebens haben Legastheniker diese Funktion entdeckt und herausgefunden, dass sie es ihnen ermöglicht, mehr zu sehen, als die Augen sehen können. Ihr Gehirn hört mehr, als ihre Ohren hören, und das Gehirn kann mehr riechen, als die Nase wahrnimmt.

Verwirrung/Desorientierung

Der dritte Faktor betrifft die Art des einzelnen Legasthenikers, wie er auf die Emotion «Verwirrung» reagiert. Die Verwirrungstoleranz ist beim dyslexischen Menschen in der Regel geringer als im allgemeinen Durchschnitt. In der Begegnung mit Wörtern wird ein ausgeprägter Bilderdenker – ein Grossteil der Legastheniker – schneller an die Verwirrungsschwelle geraten. Gewohnt, mit den Begriffen die inneren Bilder zu verbinden, wird der Mangel an zur Verfügung stehenden Visualisierungen seine Verwirrung und damit auch die Verkrampfung verschärfen, bis der einzelne emotional, motorisch oder somatisch reagiert.

Keine dieser drei gemeinsamen Merkmale stechen besonders hervor. Es ist einzig die individuelle Anpassung des Legasthenikers an diese Merkmale, die die jeweilige Variante einer Legasthenie ausmachen und die dann folgenreich für den einzelnen ist. Es gibt also keine Besonderheiten, die einen Legastheniker als anormal abstempeln würden.

Erkennungs- und Wahrnehmungsprozess

Ein Kleinkind kann sehr früh den Erkennungs- und Wahrnehmungsprozess zu einer höchst wirksamen Methode entwickeln, um Verwirrungen bei der Identifikation von Objekten aufzulösen. Seine besondere Art kann zu einem Muster werden, das sich in der Kindheit verhärtet und dann oft im Erwachsenenalter beibehalten wird – auch wenn sich die Merkmale, die sie hervorriefen, verändert haben.

Dieser spezialisierte den Erkennungs- und Wahrnehmungsprozess wird immer dann aktiviert, wenn eine Verwirrungsschwelle überschritten ist und der Legastheniker versucht, Defizite zu bewältigen. Im Bedürfnis, die Verwirrung aufzulösen, wird ein unerkanntes Symbol bzw. Wort – unbewusst für den Legastheniker – von einer Unmenge von Standpunkten beleuchtet, um ein bildnerisches Verständnis zu erhalten. In einem verwirrten Zustand nimmt der Legastheniker aber die geistigen Bilder so auf, als ob sie der Wirklichkeit entsprächen. Wie effektiv diese Bilder bei der Identifizierung von Objekten auch immer sein mögen, sie verfehlen das Ziel eines wirklichen Verständnisses, weil sie nur imaginär und deshalb falsche Sinneswahrnehmungen sind.

Während dieses Prozesses ist der Legastheniker nicht in Beziehung zur Umwelt. Seine normalen Sinneswahrnehmungen (Sehvermögen, Gehör, Gleichgewichts-, Bewegungs- und Zeitsinn) sind verzerrt, und die Person ist desorientiert – ein Zustand, der Minuten oder auch Stunden andauern kann. Führt dieser Prozess zu keiner Erkennung oder Verwirrungsauflösung, wird die Desorientierung verlängert und von aussen bemerkbar – und in diesem Fall manifestieren sie sich als die legasthenischen Symptome.

Anatomie eines legasthenischen Symptoms

Legastheniker reagieren individuell auf Desorientierungen und verwirrte Sinneswahrnehmungen. Den Legastheniker gibt es nicht. Das legasthenische Symptom beginnt mit Verwirrung auf ein geschriebenes (oder gehörtes) Symbol. Bei Überschreiten der Toleranzschwelle wird der beschriebene Erkennungs- und Wahrnehmungsprozess aktiviert.

Das zu erkennende Symbol ist kein reales Objekt, sondern ein zweidimensionales Zeichen für einen Laut oder ein Lautsymbol für einen Begriff. Deshalb gibt es keine präzise Erkennung, und es kommt zu Verwirrung. Wird die Verwirrung nicht sofort aufgelöst, dauert die Desorientierung länger, und eine Unzahl von verzerrten und falschen Sinneswahrnehmungen wird mit dem inneren Auge visualisiert, kinästhetisch sowie durch das Gehör und den Zeitsinn gespeichert. Das Ergebnis ist eine Anhäufung falscher Informationen, was wiederum neue Fehler hervorruft und zu einer emotionalen Reaktion wie z. B. Frustration führt. Fehler, emotionale Reaktionen und Frustration bilden die Symptome, die gewöhnlich mit Legasthenie zusammenhängen: Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben, in der Mathematik, bei der Koordinierung und Konzentrationsspanne.

Zwanghafte Lösungen eines Problems

Nachdem ein Legastheniker mehrmals die Abfolge Verwirrung – Desorientierung – falsche Sinneswahrnehmungen – falsche Information – Fehler – emotionale Reaktionen – Frustration durchgemacht hat, wird er erfolgreiche Strategien und Methoden entwickeln, um ähnliche Vorfälle zu vermeiden. Das beginnt schon sehr früh. Solche Strategien sind Lösungen für Verwirrungen, die ganze Abfolgen von Problemen ausgelöst haben. Und weil diese Lösungen so wichtig für das Überleben und die geistige Gesundheit des Individuums sind, werden sie immer wieder benutzt, automatisiert und schliesslich zwanghaft. Es ist die den Lösungen innewohnende zwanghafte Kraft, die die normalen Lernprozesse verhindert und deshalb den Unfähigkeitsaspekt der Legasthenie hervorbringt.

Die zwanghaften Lösungen sind in jeglicher Form vorstellbar und werden sich immer als Methoden zum Lernen und Handeln anbieten. Etwas so Einfaches wie zum Beispiel das «Abc-Lied» wird man als Erwachsener vergessen, wenn es als Trainingsmuster gelernt wird. Wenn es aber als eine zwanghafte Lösung benutzt wird, wird es der einzige Weg sein, durch den man sich an das Alphabet erinnern und es aufsagen kann.

Viele zwanghafte Lösungen machen die Legasthenie zu einer manifesten Lernbehinderung. Am besten sind sie bekannt als Konzepte und Strategien wie «Konzentriere dich», «Streng dich an» und «Arbeite hart» sowie ihrem Gegenteil Ausweichen, Vermeiden bis hin zu Resignation, die dann zu eigenen Lösungen werden, wenn der Legastheniker sie integriert. Wann immer diese Konzepte als Lösungen übernommen werden, wird Lesen, Schreiben, Rechnen sehr mühsam bleiben und das Leben weiterhin beeinträchtigen, solange nicht die Notwendigkeit besteht, dieses Zwangsverhalten zu verändern. So ist selbst der vernünftigste und liebevollste Ratschlag, der von den einfühlsamsten Eltern und den engagiertesten Lehrern gegeben wird, für die Legastheniker meistens die schädlichste aller Lösungen.

Wie sich die Legasthenie jeweils als Lernbehinderung offenbart, verändert im Laufe der Zeit. Während sich aber der Legastheniker zu verbessern und mehrere Fähigkeiten zu entwickeln scheint, wird das Problem, wenn sich die «Verbesserung» in der Form von zwanghaften Lösungen vollzieht, eher grösser als kleiner. Denn je mehr zwanghafte Lösungen ein Legastheniker entwickelt oder sich angeeignet hat, desto mehr wird sein Zustand zur wirklichen Behinderung.

Ein neues Verständnis

Der Versuch, das Phänomen der Legasthenie als eine strukturelle Anomalie zu erklären – etwa als Gehirn- oder Nervenschaden, Funktionsstörung durch Missbildung des Gehirns oder Schaden der Augen oder des inneren Ohres –, erweist sich eingedenk der geschilderten Faktoren als nicht haltbar. Alle erwähnten Bausteine bestärken uns in der Auffassung, dass das Phänomen der Legasthenie ein hauptsächlich funktionelles ist – ohne strukturelle Anomalie oder Besonderheit. Innerhalb dieses Rahmens sind die Begriffe des Wahrnehmungstalents bzw. einer besonderen natürlichen Fähigkeit die beste Beschreibung der Ursache oder der Quelle der Legasthenie.

Kontrolle der Desorientierung

Die Erkennungs- und Wahrnehmungsprozesse, die der Legasthenie zugrunde liegen, können ebenso wie künstlerische Talente behandelt werden. In der Legasthenieberatung wird einer dyslexischen Person bewusst gemacht, dass sie ein Talent besitzt, und sie erwirbt sich das Verständnis für den Mechanismus dieses Talents. Ausserdem wird ihr gezeigt, wie sie damit umgehen und wie sie es beherrschen kann. Dieser Lern- und Bewusstwerdungsprozess verwandelt das Talent in eine kontrollierte Fähigkeit. Da die Fähigkeit schon das – fehlt lediglich die Kontrolle.

Das Verfahren der Orientierungsberatung nach Davis bringt dem Legastheniker diese Kontrolle in einer ungefähr dreissig- bis vierzigstündigen intensiven Einzelberatung (Davis-Beratungsphase) bei. Ohne zu sehr auf die Einzelheiten einzugehen sei hier das folgende beschrieben: Die Orientierungsberatung besteht aus einer präzisen Abfolge von Prozessen, die Vorstellung, Kreativität und Gleichgewicht benutzen. Sie befähigt die dyslexische Person, einen stabilen Bezugspunkt für die geistige Wahrnehmung herzustellen. Wenn der Legastheniker verwirrt ist, tendiert er in seinem Bemühen, etwas zu erkennen, dazu, seinen Bezugspunkt automatisch zu bewegen. Und das ist das, was Desorientierungen und die begleitenden – mit der Legasthenie zusammenhängenden – falschen sensorischen Wahrnehmungen verursacht. Wenn ein stabiler Bezugs- oder Referenzpunkt hergestellt ist und als Standpunkt der Wahrnehmung benutz wird, werden Wahrnehmungen sehr genau und beständig sein und mit der Realität übereinstimmen.

Das Verhindern der Desorientierung

Eine Desorientierung bei anderen Personen zu sehen, ist relativ einfach. Schwieriger aber ist es, sie bei sich selbst wahrzunehmen. Deshalb muss der Legastheniker zunächst ausführlich beobachtet werden, während er mit Aufgaben beschäftigt ist, die bei ihm gewöhnlich Verwirrung auslösen. Schliesslich wird die Person anfangen, die falschen Sinneswahrnehmungen selbst zu bemerken, die jede Desorientierung begleiten. (Am stärksten bemerkbar Gefühle von Bewegung, ein subtile Gefühle des Nichtdaseins, Schwindel- und Übelkeitsgefühle sowie visuelle Verzerrungen.) Auch wenn der Legastheniker mit der Zeit die Kontrolle über seine Desorientierungen und falschen Sinneswahrnehmungen gewinnt, bleibt dennoch ein Faktor zu beseitigen: die Ursache von Verwirrung. Desorientierungen werden durch die Begegnung mit unerkannten Symbolen ausgelöst, die ausreichend verwirrend sind, um die Verwirrungsschwelle zu überschreiten. Wenn der Legastheniker die Desorientierung kontrolliert, findet die Desorientierungsabfolge nicht mehr statt. Die Fähigkeit, die Desorientierung abzuschalten, erlaubt dem Legastheniker, ein Symbol präzis und beständig wahrzunehmen und die Verwirrung aufzulösen. An diesem Erkennungsprozess sind drei Faktoren beteiligt: 1. Wissen, wie ein Symbol aussieht, 2. Wissen, wie das Symbol aussieht, und 3. die vollständige Bedeutung des Symbol kennen. Das Fehlen auch nur eines dieser drei Faktoren für ein bestimmtes Symbol – und besonders für ein geistiges Bild oder die Vorstellung seiner Bedeutung – kann ausreichende Verwirrung schaffen. Wenn aber alle Faktoren oder Voraussetzungen für ein bestimmtes Symbol erfüllt sind, löst sich das Verwirrungspotential auf, ruft weder weitere Desorientierungen hervor, noch löst es sie aus. Das zu erreichen ist Ziel der Davis-Symbolbeherrschung, die eine kreative Lerntechnik ist und vom einzelnen folgendes erfordert: 1. den Begriff der Bedeutung eines Symbols in Übereinstimmung mit einer Wörterbuchdefinition formulieren, 2. ein Modell aus Knetmasse vom Begriff des Symbols und 3. Buchstaben oder andere Symbole, die den Begriff repräsentieren, herstellen, 4. den modellierten Begriff mit dem Lautbild, den er repräsentiert, und 5. das Symbol mit dem Lautbild, den es repräsentiert, benennen.

Obwohl die Symbolbeherrschung am Anfang langsam zu sein scheint, hat sie sich als sehr wirksame Methode zur Auflösung von Verwirrung erwiesen. Legastheniker werden sehr oft wissen, wie ein Wort oder Symbol aussieht und lautet, aber nicht, was es bedeutet. Was ihnen fehlt, ist die Bedeutung oder der Begriff für ein Wort in einer bildlich vorstellbaren Form. Deshalb können sie mit diesen Wörtern nicht denken. Der Prozess der Symbolbeherrschung erlaubt es ihnen nun, das fehlende Stück herzustellen. Sowohl gegenständlich als auch begrifflich. Die Symbolbehandlung löst damit die Ursache der legasthenischen Symptome an ihrer Wurzel auf.

Auflösen zwanghafter Lösungen

Zwanghafte Lösungen sind – wie wir gesehen haben – Methoden und Verhaltensweisen, die sich der Legastheniker geschaffen hat, um Verwirrung aus dem Weg zu gehen. Diese Lösungen – früh trainiert, unbewusst – benutzen die Legastheniker, ob sie wollen oder nicht. Solche Lösungen aber entwickeln eine zwanghafte Kraft, wenn sie eine automatische Reaktion werden auf ein verwirrendes Symbol oder eine Aufgabe, die verwirrende Symbole enthält. Zudem verhindern sie das weitere Lernen. Wenn die Verwirrung in dem Symbol aber aufgelöst ist, wird die zwanghafte Kraft der Lösung reduziert oder beseitigt. Manche Symbole werden mehr als eine Lösung haben, und mache Lösungen werden für eine grössere Zahl von Symbolen zwanghaft sein. Lösen Sie die Verwirrung in einem Symbol auf, und alle Lösungen für dieses Symbol verlieren ihre zwanghafte Kraft. Lösen Sie die Verwirrung in allen Symbolen auf, für die eine Lösung zwanghaft ist, und diese zwanghafte Lösung wird verschwinden.

Tägliche Arbeit

An erster Stelle bei der täglichen Arbeit steht die Selbstverantwortung des Legasthenikers – Kind, Jugendlicher oder Erwachsener. Denn mit der Symbolbeherrschung wird es jedem Legastheniker ermöglicht, die zahlreichen Auslösewörter, die Teil des frühen Wortschatzes sind, zu identifizieren und zu bearbeiten. Nachdem ein Klient in der Beratungsphase gelernt hat, diese Signale der Verwirrung zu identifizieren, geht es nun für ihn darum, die eigenen Auslöser der Desorientierung zu bewältigen. Knetmasse ist dabei das Arbeitsinstrument. So wird – über die Psychomotorik – der Übergang von räumlichem Denken zum Erkennen abstrakter Ausdrücke (wie z. B. Buchstaben) geschaffen. Für Legastheniker, die ausgeprägt bildhaft denken, sind viele Wörter unkonkret und eigentlich bedeutungslos, weil sie das Wort nicht innerlich sehen können. Da dadurch die Informationsverarbeitung im Gehirn ins Stocken kommt, Verwirrung eintritt sowie Frustration und Fehler entstehen, kann der Klient über die Bildersprache in seinen eigenen Bildern eine Brücke zu abstrakten Wörtern finden.

Diese Bilder schafft er sich mit den eigenen Händen – und damit die Voraussetzung, den Auslöser der Verwirrung zu beseitigen. Er formt aus Knetmasse ein Modell, das die Bedeutung eines der Auslösewörter darstellt, sowie das Wort selbst mit Buchstaben. Auf diese Weise werden Wort, Konzept und Bild zusammengefügt, und die Bedeutung eines Wortes hat sich ab jetzt in der Erinnerung eingeprägt. Typische «Lega-Wörter» werden – Wort für Wort – gemeistert. Diese Arbeit macht der Legastheniker täglich und eigenverantwortlich.

Besonders wichtig und deutlich hervorzuheben ist, dass der Klient von einer Person verlässlich und kompetent unterstützt wird: Eltern, Familienangehörige, Lehrer oder Legasthenietherapeuten. Da diese Personen die Aufgabe haben, den Klienten in seiner Entwicklung zu fördern und zu begleiten, ist es von grossem Vorteil, wenn sie eine Basisschulung absolviert hat. Davon, sich allein – autodidaktisch – mit der Davis-Methode auseinanderzusetzen und sie dann anzuwenden, ist dringend abzuraten, und es unterschätzt die Bedeutung von Verwirrung und Desorientierung für den Legastheniker. Man muss sich bewusst sein, von welch grosser für das weitere Lebend des Legasthenikers es ist, dass die Modelle, die er im Rahmen der Symbolbeherrschung fertigt, mit dem Inhalt der Wörterbuchdefinition – wir bevorzugen das Langenscheidt-Wörterbuch «Deutsch als Fremdsprache» – übereinstimmen und keine «privaten» Definitionen repräsentieren. Die Begleitperson muss sich deshalb mit Sinn und Ziel der Symbolbeherrschung auseinandergesetzt haben. Zwar gibt es in den Phantasieprodukten kein Falsch oder Richtig. Aber es ist darauf zu achten, dass der Inhalt eines Symbolbildes zwar mit dem allgemeinen Verständnis eines Symbols übereinstimmt seine die individuelle Ausgestaltung aber ist das Ergebnis eines kreativen wie kommunikativen Prozesses ist, das den Legastheniker lebenslang begleitet.

Wichtig dabei ist, dass eine in die Methodik eingeführte Begleitperson, z. B. die Eltern, Lehrer, Legasthenietherapeuten den Klienten unterstützen kann. Diese fortführende Arbeit dauert in der Regel zwischen einem halben und eineinhalb Jahren, und zwar so lange, bis alle verwirrenden Symbole der Sprachen- und Zahlenwelt beherrscht werden.

Ergebnisse des Programms Orientierungsberatung nach Davis

Vom Reading Research Council wurde zwischen 1982 und 1984 mit Hilfe des McGraw-Hill-Gesamttests von Grundfähigkeiten eine Studie durchgeführt, um die Wirksamkeit der Davis-Methode zu beurteilen. Die Studiengruppe bestand aus 110 Personen (24 weiblich, 86 männlich) im Alter zwischen 6 und 61 Jahren. Die Tests wurden vor und nach den 30 bis 40 Stunden individueller Beratung und Instruktion durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten eine Erhöhung des Durchschnitts 21 Prozentpunkten im Lesen und 17 im Sprechen. Klassenentsprechungen erhöhten sich in beiden Bereichen auch um einen Durchschnitt von 1.8, das heisst von fast zwei Klassenstufen.

Zusammenfassung

Das Installieren der neuen mentalen Denkweise und Wahrnehmungsmuster muss intensiv erfolgen – das ist wichtiger Teil der Methode, durch die die neurologische Veränderung gefestigt und damit auch der dauernde Erfolg der Methodik gesichert werden kann. Selbstverständlich sind im Training immer wieder Pausen und Entspannungsübungen eingebaut, denn der Klient soll auch Spass an der Arbeit haben.

Im Abklärungsgespräch unterhalten wir uns informell über die Vorgeschichte und die Auswirkungen der Legasthenie des Klienten. Dabei stellen wir auch fest, ob der Klient auf unsere Therapie ansprechen wird, und welchen Erfolg wir Ihnen mit der Davis Therapie versprechen können. Ausserdem setzen wir klare Ziele für diese Phase fest. Zu dieser Abklärung benötigen wir Kopien von Berichten und Diagnosen des jeweiligen Schulpsychologischen Dienstes (falls vorhanden). Die Intensivphase ist 30- bis 40stündige Einzelarbeit (meist eine Woche) mit dem Klienten, während der der Legastheniker mit den verschiedenen Verfahren vertraut gemacht wird, Übungen zum Aufspüren und Bewältigen der Verwirrungsmomente – Erlernen des Orientierungsverfahrens – Sicherheit im Umgang mit Buchstaben, Symbolen, Zahlen und Wörtern – Lokalisieren der Verwirrungsauslöser – Lese- und/oder Mathematikübungen – Rechtschreibung und handschriftliche Übungen und Techniken – Verfahren, die helfen, den Stress abzubauen – Arbeit mit den Konzepten Zeit und Zeitabfolge – Übungen zur Verbesserung von Gleichgewicht und Koordination – Einführung der Begleitperson in die Methodik – Ansprechen spezifischer Lösungen. In der Folgeunterstützung ist es unser Ziel, nach der Beratungsphase den Erfolg zu erhalten oder zu steigern und das Erlernte in den schulischen oder beruflichen Alltag zu übernehmen. Deshalb legen wir Wert darauf, mit dem Klienten und der unterstützenden Lehrkraft oder dem Therapeuten die Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten und in Kontakt zu bleiben.

Zwei Stimmen

«Nach allem, was wir schon über die Defizite legasthenischer Kinder gehört haben, sind die Ausführungen von Ron Davis über die Gabe der Legasthenie erfrischend. Er gibt uns eine neue Sicht für die Talente dieser Kinder, die einerseits Mühe beim Lesen haben, aber andererseits hochentwickelte visuell-räumliche Fähigkeiten besitzen. Davis zeigt Mittel und Wege auf, wie sie erreicht werden können.»

«Joshua ist 9 Jahre alt, Schüler der dritten Klasse, der den Kindergarten wiederholte, weil er nicht hineinpasste und mit Buchstaben und Lauten nichts anfangen konnte. Er besaß ein Wissen und Verständnis von Dingen, die mich erstaunten, aber er konnte nicht lesen. Seit meiner Ausbildung mit Ihnen vor vier Jahren machte er, was seine Lesefähigkeit betrifft, erstaunliche Fortschritte von dem Level der Vor- und Grundschule zu einer weitaus höheren Entwicklungsstufe. Ausserdem haben seitdem seine Frustration und die Häufigkeit seiner Gefühlsausbrüche sehr abgenommen.»

Literatur

Clark, Matt/Mariana Gosnell: «Dealing with dyslexia.» Newsweek, March 22, 1982

Davis, Ron D: The gift of dyslexia. New York 1997

Davis, Ron D: Legasthenie als Talentsignal: Lernchance durch kreatives Lernen. Kreuzlingen 19988

dda-Workshop. Grundlagen für die Bewältigung der Legasthenie. Eine Einführung in die Davis-Methoden zur Diagnose, Behandlung und Förderung der Legasthenie. Basel 1997

Langenscheidts Grosswörterbuch Deutsch als Fremdsprache. Berlin/München 1998

Levinson, Harold N.: A solution to the riddle dyslexia. New York 1980

Springer, Sally P./George Deutsch: Left brain – right brain. w. h. Freeman Company, 1981

Thorndike/Barnhart: World book dictionary. Doubleday & Company, 1979

Temple, Robin: Your child dyslexia. Practical and easy-to-follow advice. Boston 1998

Stelzer, Saskia: Wenn die Wörter tanzen – Legasthenie und Schule. Kreuzlingen 1998

Webster’s new world dictionary. Simon & Schuster, 1984

 

Autor:

Andreas Villain, lic. phil. I, Davis Facilitator

 

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