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Kritische Auseinandersetzung zu Ritalin

Siehe zum Thema auch: http://www.psychologische-adhs-therapie.ch/adhs/ 

Es folgt eine Auswahl von aktuellen Zeitungsartikeln zum Thema Ritalin. 

Inhalt:

 

Die Epidemie der Rastlosigkeit und die Karriere des Koks für Kinder

Ritalin ­ Hilfe oder Sackgasse?

Seelische und körperliche Folgeschäden der Ritalineinnahme

Manipulierte Ritalinstudie

Mit Ritalin und Prozac gefügig für die Globalisierung?

Entzugsklinik für Ritalinkinder

Virtuelle Welt oder reales Leben?

Unterrichtsstil und Hyperaktivität

Keine besseren Schulleistungen mit Ritalin

Wirkliche Hilfe statt Ritalin

Hirnforscher stellt gängige Erklärungsmuster in Frage

Hyperaktivität und Bewegungslinie des Kindes

Emotionale Hintergründe von Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität

Massive Zunahme an Ritalinverschreibungen

Uno besorgt über Ritalinboom

Michael ­ ein Fallbeispiel

Ritalin und der Zappelphilipp

Methylphenidate (Ritalin)

 

 

Stand: 17.05.2013

Die Epidemie der Rastlosigkeit und die Karriere des Koks für Kinder

Jörg Auf dem Hövel 17.10.2006

Am Beispiel der medikamentösen Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung ADHS zeigt sich, wie die Gesellschaft den frühen Umgang mit chemischen Substanzen diskutiert - Teil 1

Aufmerksamkeitsdefizite, geringe Frustrationstoleranz, impulsives oder gar aggressives Verhalten: Was sich liest wie die Charakterbeschreibung manches Fußballfans ist in den Kinderarztpraxen der Republik das Diagnosebild eines Kindes mit Aufmerksamkeitsstörung-Syndrom, kurz ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung). In einem Drittel aller Fälle heißt die Lösung Methylphenidat, Handelsname «Ritalin» oder «Medikinet», ein Amphetamin-Derivat, das die Gedanken fokussiert. In Deutschland erhalten zur Zeit täglich rund 60.000 Kinder und Jugendliche die Substanz, in den USA und Großbritannien sind die Zahlen ähnlich.

An dem oft erbittert geführten Streit um Sinn und Unsinn der medikamentengestützten Therapie des «Zappelphillip-Syndroms» lassen sich gut die Eckpunkte einer Diskussion verorten, die zukünftig noch an Bedeutung gewinnen wird: Welche geistigen Zustände will man fördern, welche sollen Kindern nahe gelegt werden? Wie geht die Gesellschaft mit ihren kleinen und großen Helfern in einer Zeit um, in der die Grenze zwischen Nahrungs- und Arzneimitteln verschwimmt? Welche Rolle soll pharmakologische Beeinflussung spielen, wenn die «Wahrheit» im Spannungsfeld zwischen organisierter Ärzteschaft, profitorientierten Pharmafirmen, materialistischer Wissenschaft, besorgten Eltern und ungefragten Kinder zu verschwinden droht?

Die Zahlen klingen eindeutig: Etwa 3-5% (300.000-500.000) der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von ADHS betroffen, Jungen gegenüber Mädchen zwei- bis viermal häufiger. Rechnerisch sitzen in jeder Schulklasse ein oder zwei Kinder, die unter ADHS leiden. Bei Erwachsenen schätzt man die Häufigkeit auf nur etwa ein Prozent. Als goldener Weg gilt heute eine «modale Therapie», die nicht nur das Medikament als Wundermittel sieht, sondern die psychosozialen Begleitumstände analysiert und nach Bedarf zu ändern versucht. Eltern- wie Lehrertraining kann hierzu genauso gehören wie eine Verhaltens- und Psychotherapie des Kindes. Aber hinter den Fakten versteckt sich ein seit Jahren erbittert geführten Kampf um Deutungshoheit über die Krankheit.

Professoren wie der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Götz-Erik Trott weisen darauf hin, dass das Syndrom hyperaktiver Kinder schon im 19. Jahrhundert beschrieben wurde. Beliebtestes Beispiel ist die berühmte Geschichte des Nervenarztes Heinrich Hoffmann, der 1845 in seinem «Struwwelpeter» mit dem Zappelphilipp dem ungesteuerten Verhalten ein literarisches Denkmal setzte. Das Problem dabei: Eine genaue und heute noch überprüfbare Diagnosetechnik lag damals nicht vor, das «hyperkinetische Syndrom» wurde erst sehr viel später entdeckt. Oder erfunden, wie viele Kritiker der ärztlichen Psycho-Kategorisierung sagen.

Die Diagnose

1902 veröffentliche der britische «Lancet» den richtungsweisenden Aufsatz von Georg F. Still, der von Kindern mit «merklichen Unvermögen, sich zu konzentrieren», berichtete. Seit dieser Zeit versucht man dem Phänomen habhaft zu werden, aber so einfach wie bei «Kopfschmerzen» funktionierte das nicht. Zunächst sprach man von «minimaler zerebraler Dysfunktion» (MCD), was auf Schäden im Hirn hinwies, später von der «hyperkinetischen Störung», was den Bewegungsdrang in den Vordergrund stellte. Aber das Krankheitsbild war verwaschen, die «zerebrale Dysfunktion» war zudem im Hirn nicht nachweisbar. «MCD: Leerformel oder Syndrom?», titelten daher 1987 Günter Esser und Martin H. Schmidt in ihrem Buch.

Werbung für Methylphenidat aus den 60er Jahren

In genau diesem Jahr setzte der US-amerikanische Psychiatrieverband dann auf das Kürzel ADHD, im Deutschen ADHS, das bis heute gültig ist. Schon an dem Wandel der Begrifflichkeiten machen Kritiker die Ungenauigkeit eines Diagnosebildes fest, das aus ihrer Sicht primär nach biochemischen Störungen sucht, um diese in einem zweiten Schritt auch chemisch zu behandeln. So sagt Dieter Mattner, Professor für Sozialpädagogik an der FH Darmstadt:

Auffällig an diesen neurobiologischen Konzeptionen bleibt bis heute, dass innerhalb der diagnostischen Blickreduzierung dieser Konzeptionen die oftmals als problematisch erkannten psychosozialen Lebenshintergründe von betroffenen Kindern als mögliche primäre Verursachungen der Verhaltensprobleme weitestgehend bewusst ausgeblendet bleiben.

Der Wiener Satiriker Karl Kraus vermutete schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts: «Die Diagnose ist eine der häufigsten Krankheiten.» Kritiker des ADH-Syndroms behaupten bis heute, dass sich die Krankheit in die Reihe der unnützen und gefährlichen Psycho-Klassifikationen einreiht, die aus einem unruhigen Kind einen pathologischen Fall macht.

Fakt ist bisher nur: Deutschland und die Welt sind aus der Perspektive der Experten voller psychisch Gestörter. Im Katalog der Veteran's Administration der USA waren nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 26 Störungen notiert. Das auch in Deutschland gültige «Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders» (DSM-IV) der Vereinigung der amerikanischen Psychiater zählt heute über 400 verschiedene Leiden auf. Addiert man die deutschen Angaben aus dem Katalog zur Verbreitung psychischer Leiden, befinden sich zu jedem Zeitpunkt knapp 60 % der Bevölkerung in geistiger Umnachtung oder anderen abnormalen Zuständen - die Mitglieder des Bundestages noch nicht einmal abgezogen.

Kritische Eltern und Ärzte vermuten daher seit Beginn des ADHS-Hypes, dass hier nur eine erneute Ausweitung des Beschäftigungsfelds der Ärzteschaft vorgenommen wurde. 2002 urteilte der Kinderarzt Dietrich Schultz: «ADHS ist insgesamt ein Konstrukt. Damit wird ein Verhalten von Kindern erklärt, das unsere Gesellschaft hervorgebracht hat.» Aber ist es tatsächlich so einfach?

Die Forschung weist immer deutlicher darauf hin, dass die Anfälligkeit für ADHS vererbbar ist. Allerdings stellt sich auch in diesem Bereich heraus, dass die Gene nicht die Vorherrschaft haben: Soziale Komponenten müssen dazu kommen. Und selbst dann ist das Syndrom keine Krankheit, die ausbricht wie die Masern. Die Übergänge sind gleitend, der Raum zwischen eingebildeten, herbeigeredeten, schwachen und starken Symptomen fließend, das Phänomen «gleicht eher dem Übergewicht als den Windpocken», wie Manfred Döpfner, Professor für Psychotherapie am Klinikum der Universität zu Köln, annimmt. Er behauptet, dass nur bei einem Prozent eines Kinderjahrgangs die Diagnose völlig eindeutig ist. Das Problem: Heute werden zwischen 3 und 15 % der Kinder mit ADHS diagnostiziert.

Zur sicheren Diagnose von ADHS gehört Erfahrung, die so mancher der konsultierten Ärzte und Psychiater nicht hat. Die DSM-IV Liste für ADHS (1) fördert diagnostischen Kriterien mit großem Interpretationsspielraum. Und: Zu hohe oder niedrige Lernanforderungen in der Schule können die gleichen Symptome wie bei ADHS hervorrufen.

Nach der Diagnose folgt in einem Drittel der Fälle die Therapie mit Hilfe von Medikamenten - und auch die ist umstritten. Schon 2002 forderte die damaligen Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merck (SPD), dass nur Ärzte mit Zusatzqualifikation Methylphenidat verschreiben dürfen. Passiert ist dies bisher nicht.

So steigt der Verbrauch von Methylphenidat seit Jahren kontinuierlich an, die aktuellen Zahlen zeigen einen erneuten Sprung nach oben. Anfang der 90er Jahre war die Substanz noch nicht etabliert, die Steigerungen sind von diesem niedrigen Niveau aus zu interpretieren. Die Bundesopiumstelle registrierte 1993 die Nutzung von nur 34 Kilogramm reinem Methylphenidat, im Jahr 2001 waren es bereits 693 Kilogramm. Zwischen 1998 und 1999 hatte sich die Menge verdoppelt, in einem knappen Jahrzehnt kam es zu einer 20fachen Steigerung.

Damit aber nicht genug. Bis 2004 stieg die Menge noch einmal kräftig an, der Arzneimittelverordnungsreport 2005 zeigte nun eine Steigerung um das Dreißigfache (2). In 2005 wurde 1.200 Kilogramm von deutschen Apotheken ausgegeben (s. Grafik).


Quelle: Bundesopiumstelle

Die Verschreibungen stiegen dementsprechend ebenfalls an. 2004 kam es in Deutschland zur Verordnung von über 25 Millionen definierten Tagesdosen (30 mg) von Methylphenidat, 95% davon entfielen auf Kinder und Jugendliche. Angesichts dieser Zahlen dämmert es selbst den Befürwortern einer pharmakologischen Behandlung, dass Deutschlands Kindern mit Methylphenidat überversorgt sind.

Das ist kein deutsches Phänomen, auch das Ausland berichtet über den Anstieg des Verbrauchs. In Großbritannien wurden 2005 rund 362.000 Mal Methylphenidat verschrieben; die Tendenz ist auch auf der Insel seit Jahren steigend. Dem INCB ( International Narcotics Control Board (3)) berichten 156 Ländern ihren Im- und Export von Stoffen, die in der «Schedule II» Anlage gelistet sind, unter anderem stehen hier Morphine und einige Barbiturate - und auch Methylphenidat. Laut INCB ist diese Droge die am häufigsten gehandelten Substanzen weltweit aus dieser Klasse. In der Medikamentenrangliste des Ritalin-Herstellers Novartis stand das Medikament 2002 mit einem Jahresumsatz von 148 Millionen Euro auf Rang 18.

Die Vorreiterrolle beim Vertrieb nehmen wieder einmal die Ärzte in den verschreibungsfreudigen USA ein. In den Staaten sollen zwischen drei und fünf Prozent der Kinder unter ADHS leiden, auch hier sitzt demnach in jeder größeren Schulklasse im Durchschnitt ein Kind mit ADHS. Mindestens fünf Millionen Kinder erhalten täglich Ritalin oder ein anderes Methylphenidat. Die Arzneimittelzulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) berichtete in ihren Statistiken aus dem Jahr 2000 von monatlich 2,5 Millionen ausgestellten Rezepten für Methylphenidat - alleine für Kinder. Dazu kommen noch einmal 1,5 Millionen Verschreibungen für Erwachsene. Der Markt für Methylphenidat ist bunt in den USA, diverse Handelsnamen streiten um die Gunst der Kundschaft: Ritalin, Concerta, Metadate, Methylin, Rubifen.

Erhebungen gehen davon aus, dass - wie in Deutschland - rund ein Drittel aller mit ADHS diagnostizierten Kinder und Jugendlichen Methylphenidat erhalten. Die Zahlen sind veraltet, die Pharma-Konzerne produzieren derweil soviel Methylphenidat wie nie. 1990 stellten nur zwei Firmen das Stimulans her, man produzierte 1.768 Kilogramm, vier unterschiedliche Pillendreher kümmerten sich um den Vertrieb. Zehn Jahre später stießen sechs Großhersteller bereits 15 Tonnen her und 20 Firmen boten das Medikament an. Fazit: Die USA produzieren und konsumieren an die 90 Prozent des weltweiten Methylphenidat.

Lawrence Diller, Kinderarzt und einer der schärfsten Kritiker des Ritalin-Booms in den USA, spricht von epidemischen Verschreibungspraktiken. Seinen Berechnungen nach sind in den USA alleine 1995 fünf Tonnen der Substanz übrig geblieben. Eine Zahl, die sich mit höherer Dosierung, längerer Behandlungsdauer und Export ins Ausland nicht erklären ließe, wie er meint.

Studentenfutter

Die Droge ist begehrt, weitere Zahlen zeigen das Ausmaß des Hypes: Zwischen Januar 1996 und Dezember 1997 wurden rund 700.000 Dosiseinheiten als gestohlen gemeldet, Ritalin und seine Vertreter stehen bei der DEA (4) noch heute in den Top-Ten der gestohlenen Drogen und Medikamente. Aktuell kostet eine Pille Ritalin auf dem Schwarzmarkt zwischen drei und 15 Dollar. Die Dosierung ist auf den Lerneffekt ausgerichtet, meist werden nur ein bis drei Pillen mit 10 mg geschluckt, euphorische oder speed-ähnliche Effekte sind aber erst ab 200 mg zu erwarten. Und selbst dann wird die Wirkung als sehr dumpf beschrieben, Begeisterung löst Methylphenidat im Drogen-Untergrund daher nicht aus.

Über die Jahre kristallisierte sich - wie bei fast jedem psychoaktiven Medikament - ein neues Einsatzgebiet für Ritalin heraus. Das Forschungsinstitut RTI International (5) geht davon aus, dass rund 7,3 Millionen Amerikaner Methylphenidat schon einmal ohne Verschreibung genommen haben, weniger um die Nacht durchzutanzen, sondern um ihre Schul- oder Berufsleistung zu optimieren.

Was nämlich gerne vergessen wird: Ritalin steht in einer Reihe mit den Amphetaminen (Speed, Ecstasy), die ebenfalls bei ADHS angewandt werden. Nur ist deren Ruf ruiniert, ihnen wird Abhängigkeitspotential oder Hirnschädigung zugeschrieben, obwohl ihr niedrig dosierter, ärztlich kontrollierter Gebrauch keine nachgewiesenen Nachfolgeschäden mit sich bringt. Wissenschaft und Pharma-Industrie entwickeln nicht nur aus Forschungsdrang und Philanthropie ständig neue Substanzen, es geht auch darum, alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Anders gesagt: Hier ein Methyl-Molekül ranhängen, dort eine NH-Gruppe wegnehmen, ein neuer Name und Public Relation wirken Wunder. Bis auch für das neue Medikament Langzeitfolgen bekannt werden und der Zyklus von vorne beginnt. Auch das nennt sich wissenschaftlicher Fortschritt.

Eine 1998 von der Indiana University durchgeführte Umfrage unter 44.232 Studenten zeigte: Fast 7% hatten Ritalin schon einmal probiert, 2,5 % nutzten es einmal im Monat oder öfter. Ein paar Jahre später (2002) untersuchte (6) man das Konsumverhalten von 1.536 Schülern aus dem Mittleren Westen. 4,5 % davon nahmen Stimulanzien zur Erhöhung der Aufmerksamkeit ein.

Wie in Deutschland streiten auch in den USA die Gelehrten, ob und wann der Dauereinsatz eines Medikaments bei ADHS-Kindern sinnvoll ist. Die neuen Erkenntnisse aus der Hirnforschung leiten den wissenschaftlichen Diskurs dabei primär in eine biologisch-determinierte Richtung. Noch ist es nicht soweit, aber es steht zu vermuten, dass bald eine objektive Unterscheidung zwischen den Hirnstoffwechsel eines «normalen» und ADHS-Kinds gefunden wird. Und dann?

Es ist bei näherer Betrachtung kein so großes Wunder, dass Stimulanzien bei Kindern beruhigend wirken können. Auch Amphetamine machen aus ihren Nutzer nicht automatisch einen fickrigen Durchgeknallten, bei entsprechender Dosierung dienen sie auch Erwachsenen als Fokussierungsmittel. Die Studien über stimulanzaffine Schüler und Studenten weisen auf die inzwischen normale Tendenz hin, Errungenschaften der Pharma-Industrie im Alltag zu nutzen. Dass die pharmakologische Behandlung von Anpassungsproblemen nun auf die jüngsten und sensibelsten Vertreter der Generation durchschlägt stellt die Fragen des vernünftigen Umgangs mit Medikamenten und psychoaktiven Drogen neu.

Im 2. Teil: Stefan und die Geschichte vom Ritalin (folgt)

Links

(1) http://www.adhs.ch/add/addmemo.htm
(2) http://www.thieme-connect.com/ejournals/html/psychoneuro/doi/10.1055/s-2005-863101?locale=de&LgSwitch=1#fg
(3) http://www.incb.org/
(4) http://www.dea.gov/
(5) http://www.rti.org
(6) http://taylorandfrancis.metapress.com/(yt1r4viqgvns5r5540hu1nnk)/app/home/contribution.asp?referrer=parent&backto=issue,3,6;journal,26,61;linkingpublicationresults,1:107866,1

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23762/1.html Copyright © Heise Zeitschriften Verlag

 

 

 Ritalin ­ Hilfe oder Sackgasse?

Immer mehr Kindern in Amerika und in Europa wird heute täglich Ritalin, ein unter das Betäubungsmittelgesetz fallendes Aufputschmittel verabreicht. Weltweit bekommen etwa 10 Millionen Kleinkinder, Vorschulkinder, Schulkinder und Jugendliche Ritalin. Auch Erwachsenen wird es verabreicht, die nervös sind oder sich schlecht konzentrieren können. In Deutschland soll es 350 000 Kinder zwischen 6 und 16 Jahren mit dieser Symptomatik geben, davon werden etwa 50 000 mit Ritalin behandelt. Die Verschreibung von Ritalin ist von 1990 bis 2001 auf das 30fache angestiegen. Die Ritalinpropagandisten sprechen dennoch von einer krassen Unterversorgung.

ev. Nervöse und unaufmerksame Kinder gab es immer schon; dies zeigt die Geschichte vom Zappelphilipp im Buch «Struwwelpeter», das 1844 vom Neurologen H. Hoffmann herausgegeben wurde. In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts belegte man solche in ihrem Verhalten auffällige Kinder mit der äusserst problematischen Diagnose MCD (minimale cerebrale Dysfunktion) – in der Schweiz POS (psychoorganisches Syndrom) – oder mit der Diagnose Wahrnehmungsstörung. Es fand sich aber kein neurologischer Befund. Noch vor wenigen Jahren wäre kaum jemand auf die Idee verfallen, diesen Kindern eine psychotrope Substanz zu verabreichen. Sie wurden richtigerweise einer ursachenorientierten Therapie zugeführt. 

Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts prägten amerikanische Neurologen und Psychiater für diese nervösen und in ihrem Verhalten auffälligen Kinder den Begriff ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung) und propagierten eine Behandlung mit Ritalin. Der Begriff ADHS und die Behandlung der Verhaltensstörung mit Ritalin wurde auch in Europa verbreitet und die Ärzteschaft damit regelrecht überrumpelt. Dem «Krankheitsbild» soll angeblich eine Stoffwechselstörung des Gehirns zugrunde liegen. Dafür gibt es bis heute keinen wissenschaftlichen Beweis. Trotzdem versuchen die Ritalinprotagonisten Ärzten, Pädagogen, Psychologen und auch den Eltern betroffener Kinder ein aus falschen Theorien zusammengesetztes Denkmodell überzustülpen. 

Unter dem Begriff ADHS werden eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten subsummiert. Es kursieren «Diagnoseblätter», auf denen Verhaltensbeschreibungen wie «steht gern im Mittelpunkt», «motzt viel und rastet schnell aus», «muss alles endlos diskutieren» oder «möchte alles bestimmen, will meist der 'Chef' sein» angekreuzt werden sollen.  

Es kommen bereits Eltern mit lebhaften, gesunden Säuglingen zum Kinderarzt mit der Frage, ob ihr Kind nicht ADHS habe. Viele Eltern grösserer Kinder machen sich Sorgen einer normalen, gesunden und eigentlich positiven Lebhaftigkeit ihrer Kinder wegen. 

Die von den Ritalinprotagonisten oft scharf eingeforderte Ritalinbehandlung erfolgt in einer hochsensiblen Entwicklungsphase des Gehirns. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang. Es gibt keine wissenschaftlich haltbare Langzeitstudie über die Unschädlichkeit von Ritalin. Die Situation ist besorgniserregend. 

Deshalb hat die Internationale Hippokratische Gesellschaft am 23. März 2002 in Bregenz eine interdisziplinäre Arbeitstagung zum Thema «Ritalin – zu verantwortende Hilfe oder Weg in die Sackgasse?» durchgeführt. Allen, die sich in medizinischen, psychologischen oder pädagogischen Bereichen mit Kindern befassen, und allen Eltern sollen die vorliegend zusammengestellten Referate und Berichte dieser Tagung sowie weitere Beiträge grundlegende Informationen zur Verfügung stellen. Unser Denkvermögen, unsere menschliche Vernunft und unser Verantwortungs- und Mitgefühl sind gefordert, wenn wir den uns anvertrauten Kindern wirklich helfen wollen. 

 
 

 Seelische und körperliche Folgeschäden
der Ritalineinnahme

von Dr. phil. Judith Barben, Kinderpsychologin in Baden bei Zürich,
 und Dr. med. Andreas Bau, Kinderarzt in Hamburg

Die stimulierende Droge Ritalin (Methylphenidat) hat zahlreiche gefährliche Nebenwirkungen, und ihre Langzeitschäden sind weitgehend unbekannt. Besonders alarmierend ist der Befund, dass unter Ritalin die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes stehen bleibt, was dem heranwachsenden Menschen grossen Schaden zufügt. Ritalin löst keine Probleme, im Gegenteil. 

Kindliche «Verhaltensauffälligkeiten» sind sowohl in ihren Erscheinungsformen als auch in ihren Ursachen sehr verschieden. Diese Kinder sind nicht «krank». Sie und ihre Eltern sind in Not und brauchen Hilfe. «Verhaltensauffällige» Kinder mit dem Begriff «Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung» (ADHS) oder «hyperaktives Syndrom» zu etikettieren, ist bereits ein Problem, denn die Begriffe legen die falsche Vorstellung nahe, es handle sich um eine organische Störung.1

Das New England Journal of Medicine schreibt: «The cause of ADHS remains unknown.»2 (Die Ursache von ADHS ist bis heute nicht bekannt). Das stimmt nur bedingt. Die Aussage bedeutet, dass bis heute keine organische Ursache gefunden wurde.

Wichtige Befunde der Bindungsforschung

Das ist aus psychologischer Sicht nicht überraschend, denn die Entwicklungspsychologie und die Bindungsforschung haben die Ursachen kindlicher Verhaltensstörungen schon lange in einer Störung des emotionalen Wechselspiels zwischen dem Kind und seiner sozialen Umwelt erkannt. Bei der Erklärung und Prävention seelischer Störungen kann die Psychologie auf eine hundertjährige wissenschaftliche Forschung zurückblicken und verfügt über einen grossen Fundus gesicherter Erkenntnisse. Die Individualpsychologie nach Alfred Adler, die Neopsychoanalyse, die Entwicklungspsychologie, die Bindungsforschung, die sozial-kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura sowie Erkenntnisse der modernen Hirnforschung liefern in ihrer Zusammenschau wertvollste Befunde zur Erklärung und Prävention kindlicher Verhaltensstörungen.3

Die Individualpsychologie hat herausgearbeitet, wie der Lebensstil eines Kindes im familiären Wechselspiel entsteht; dabei ist neben der Elternbeziehung auch die Beziehung zu den Geschwistern sehr wichtig. Die Neopsychoanalyse hat auf die Bedeutung kultureller Faktoren für die individuelle Entwicklung hingewiesen. Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung haben durch unzählige empirische Studien belegt, wie das feine emotionale Wechselspiel zwischen Eltern und Kind die Grundlage für die weitere Persönlichkeitsentwicklung bildet. Die sozial-kognitive Lerntheorie hat die Bedeutung von Vorbildern (Modellen) für die Entwicklung des Heranwachsenden aufgezeigt. Die Hirnforschung bestätigt die genannten Befunde in eindrücklicher Weise und weist nach, wie die in frühkindlichen Beziehungen gemachten und im kindlichen Gehirn aufgenommenen psychosozialen Erfahrungen die Entwicklung des Heranwachsenden, sein Fühlen, Denken und Handeln, beeinflussen.

Menschenbild ist entscheidend

Die Persönlichkeitstheorie, mit der ein Psychologe, Lehrer oder Kinderarzt an ein «verhaltensauffälliges» Kind herantritt – ob er ein biologistisches oder ein personales Menschenbild hat –, ist von grösster Bedeutung für seine Fähigkeit zur Hilfeleistung. Es ist entscheidend, ob er das Kind als «hirnorganisch gestört» betrachtet oder ob er in ihm ein ganzheitlich denkendes und empfindendes Wesen sieht, das zuallererst einmal in seinen Unsicherheiten, Ängsten, Wünschen und Hoffnungen gesehen und verstanden werden will. 

Vor dem Hintergrund des Wissens um die psychologischen Entstehungsbedingungen von Verhaltensstörungen ist es absurd und verantwortungslos, ein Kind mit einer Droge ruhigstellen zu wollen.4 Ritalin löst kein einziges Problem, im Gegenteil!5

Ritalin (Methylphenidat) stört wie jede Droge die Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig. Das Mittel unterdrückt die spontanen und natürlichen Gefühlsäusserungen des Kindes, und dieses kann weder lernen, eigene Gefühle wahrzunehmen noch mit ihnen adäquat umzugehen. Seine Individualität wird künstlich niedergehalten, die Persönlichkeitsentwicklung bleibt stehen. Ein Kind, das jahrelang Ritalin genommen hat, muss – wenn das Mittel dann endlich abgesetzt wird – bei der Lösung der zugrundeliegenden seelischen Schwierigkeiten genau an dem Punkt wieder anfangen, wo es damals nicht weiterkam. Nur ist es inzwischen ein Jugendlicher geworden und im Vergleich mit Gleichaltrigen – und Jüngeren – fehlen ihm viele Erfahrungen im Umgang mit den eigenen Gefühlen, im gefühlsmässigen Sich-Reiben und Auseinandersetzen mit Gleichaltrigen und Erwachsenen und im Bewältigen von Konflikten. Und das ist das Gefährliche! Immer wieder sind Jugendliche und ihre Erzieher jetzt nicht mehr in der Lage, die Probleme in den Griff zu bekommen. 

Wo Unsicherheiten, Fehlhaltungen oder Lernstörungen beim Kind noch zu korrigieren gewesen wären, sind diese Probleme beim Jugendlichen, der jahrelang unter Ritalin stand, festgefahrener und ohne kompetente Unterstützung oft fast nicht mehr zu bewältigen. Mitunter eskalieren sie dann geradezu: Der 15jährige Thomas J. Solomo, der im Mai 1999 in Conyers, Georgia, auf sechs Mitschüler schoss, war ein Ritalin-Kind.6 Raoul Wüthrich, das Kind, das in den USA wegen schweren Inzests verhaftet wurde, war ein Ritalinkind.7 Der drogensüchtige Rockstar Kurt Cobain, der sich 1999 das Leben nahm, war ein Ritalinkind.8 Diese schweren Fälle, die durch die Medien gingen, verdeutlichen die Tatsache, dass Ritalin bestehende Probleme nicht löst, sondern sie verdeckt und verschlimmert.

Wirkmechanismus von Ritalin nicht geklärt

Der genaue biochemische Wirkmechanismus von Ritalin ist bis heute nicht geklärt. Die gängigste Hypothese lautet, Ritalin würde den Hirnstoffwechsel im Frontalhirn anregen und so die Aufmerksamkeit verbessern, doch das ist nur eine Vermutung. Im Arzneimittel-Kompendium der Schweiz ist zum Wirkmechanismus von Ritalin® (Methylphenidat) folgendes nachzulesen: «Sein Wirkmechanismus im Menschen ist noch nicht vollständig geklärt, es wird lediglich angenommen, dass die stimulierenden Effekte auf eine kortikale Stimulation und möglicherweise auf eine Stimulation des retikulären Aktivierungssystems zurückzuführen sind. Der Mechanismus, durch welchen Methylphenidat seine mentalen und verhaltensmässigen Wirkungen bei Kindern ausübt, ist weder genau ergründet noch liegen schlüssige Beweise vor, welche aufzeigen, wie diese Effekte mit dem Zustand des Zentralnervensystems zusammenhängen.»9 Ebenso ist die von Ritalinbefürwortern propagierte Hypothese, bei «ADHS-Kindern» liege ein Dopaminmangel im Gehirn vor, reine Spekulation. Diese Interpretation wurde aus der erwähnten Vermutung abgeleitet, Ritalin stimuliere die Dopaminausschüttung. 

Warum aber gewisse Kinder unter Ritalin erregt werden und das Mittel bei anderen überhaupt nicht wirkt, ist unklar. Auch gibt es immer wieder Fälle, in denen Kinder unter Ritalin psychotisch werden.10 Gemäss einer kanadischen Studie war dies bei 6 Prozent der Fall.11

Körperliche Folgeschäden und Suchtgefahr

Zu den psychischen Folgeschäden kommen die körperlichen Folgeschäden.12 Häufige Nebenwirkungen des Mittels sind Nervosität, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel und Hautausschläge. Auch Müdigkeit, Traurigkeit, Ängstlichkeit, depressive Verstimmung, Haarausfall, Mundtrockenheit, Durchfall, Verstopfung, Muskelzuckungen und Ticks können auftreten.13 Nicht ausreichend geklärt ist – so Novartis – die Gefahr eines verminderten Wachstums.14 

Die Suchtgefährdung – beim Kind oder Jugendlichen selbst oder in seinem Umfeld – ist ein weiteres Problem.15 Zunehmend wird Ritalin als Droge auf dem Schwarzmarkt gehandelt; Drogensüchtige schlucken, schnupfen oder spritzen es.16 Eine Untersuchung bei Jugendlichen mit der Diagnose ADHS in Kalifornien ergab, dass diejenigen, die mit Ritalin behandelt worden waren, später mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit Kokain nahmen. Auch ist in den USA die Zahl der Notfälle im Zusammenhang mit Ritalin bei 10- bis 14jährigen, die Ritalin häufig zusammen mit anderen Drogen verwenden, seit 1990 um das Zehnfache gestiegen.17 Wenn Drogensüchtige das Ritalin zu Pulver zerreiben und schnupfen, gelangt es in Sekundenschnelle ins Gehirn. Genau das gibt den «Kick», der süchtig machen kann.18

In den USA gab es bereits mehrere Todesfälle von Eltern, die das Ritalin ihrer Kinder geschnupft hatten. 1999 wurde erstmals der Todesfall eines Teenagers berichtet, der Ritalin intranasal missbraucht hatte.19

Gefahren für das Herz

Sehr ernst zu nehmen sind auch die Gefahren für das Herz. Novartis nennt als «gelegentliche unerwünschte Wirkungen»: Tachykardie (Herzrasen), Palpitationen (Herzklopfen), Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) sowie die Erhöhung des Blutdrucks. Eine «seltene unerwünschte Wirkung» sei – so Novartis – auch Angina pectoris (Herzschmerzen).20 

Wissenschaftler fanden in Tierversuchen Hinweise, dass Ritalin den Herzmuskel irreversibel schädigt.21 Im April 2000 starb ein 14jähriger Knabe in Pontiac, Michigan, einen plötzlichen Herztod. Der Gerichtsmediziner führte den Tod auf eine Schädigung des Herzens zurück und vermutete als Ursache Ritalin. Der Knabe hatte seit seinem 4. Lebensjahr – zehn Jahre lang! – Ritalin genommen.22 Die 11jährige Stefanie Hall im US-Bundesstaat Ohio bekam 1999, nachdem der Kinderarzt ihre Ritalindosis verdoppelt hatte, extremes Herzrasen und starb plötzlich. Die Eltern führen Klage gegen Novartis.23 Der plötzliche Badetod eines fünfjährigen Jungen im deutschen Sebnitz war ebenfalls durch Herzversagen (und nicht durch Fremdeinwirkung) eingetreten. Auch dieser Knabe hatte Ritalin genommen. 

Aufgrund einer besorgniserregenden Zunahme solcher Fälle hat die amerikanische Vereinigung der Herzspezialisten (American Heart Association) neue Richtlinien erlassen: Sie fordern gründliche Abklärungen des Herzens vor und während jeder Ritalinbehandlung, einschliesslich Elektrokardiogramm und detaillierter persönlicher und familiärer Anamnese bezüglich Herzproblemen.

Vermutete Langzeitschädigung des Gehirns

Weltweit warnen Fachleute vor einer langfristigen Schädigung von Hirnstruktur und Hirnchemie durch Ritalin.24 Aufgrund neuester Forschungsergebnisse vermuten Hirnforscher, dass die langfristige Ritalineinnahme eine Parkinson-artige Erkrankung im höheren Lebensalter begünstigen könnte.25 

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie warnt: «Die Langzeitfolgen einer Behandlung mit dem Psychostimulans Methylphenidat (Ritalin®, Medikinet®) sind unbekannt.» Neben der Gefahr einer dauerhaften Schädigung des Gehirns seien bei chronischer Verwendung – so die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie – auch Leberschäden möglich.26 Hinweise, dass die langfristige Verwendung von Ritalin Leberkrebs verursachen könnte, fand auch die amerikanische Lebensmittel- und Medikamentenkontrollbehörde FDA (Food and Drug Administration).27

Systematische Langzeit­studien fehlen

Systematische Langzeitstudien mit Menschen, die den Verdacht auf schwere Spätschäden entkräften würden, existieren nicht. «Die Langzeitsicherheits- und -Wirksamkeitsprofile von Ritalin sind noch nicht gänzlich bekannt,» stellt Novartis verharmlosend fest.28 Fachleute werfen dem Hersteller Novartis das Fehlen von aussagekräftigen Langzeitstudien vor, denn das Mittel ist seit rund 50 Jahren verfügbar und wird schon lange bei Kindern eingesetzt.29

Wenn Eltern über die verheerenden körperlichen und seelischen Folgeschäden durch Ritalin aufgeklärt werden und echte Hilfe im Umgang mit ihren Kindern erhalten, werden sie sich weigern, ihnen die Droge weiterhin abzugeben.

Fussnoten

Vortrag, gehalten anlässlich der Tagung der Internationalen Hippokratischen Gesellschaft am 23. März 2002 in Bregenz.

1 Genauso falsch sind die früher verwendeten Begriffe frühkindliches psychoorganisches Syndrom (POS) oder minimale Hirndysfunktion (minimal brain dysfunction).

2 Zametkin, Alan J., Ernst Monique. Problems in the Management of Attention-Deficit-Hyperactivity Disorder. New England Journal of Medicine. January 7 1999, S. 40-46. S. 40.

3 Arbeitsgemeinschaft für Personale Psychologie und Psychotherapie. Grundlagen einer Personalen Psychologie. Wattwil 2001.

4 Ritalin® (Methylphenidat) ist ein zentralnervöses Stimulans mit ausgeprägter Wirkung auf die mentalen und die motorischen Aktivitäten. Vgl. Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2284.

5 Auch die zuweilen behauptete Verbesserung der Schulleistungen konnte nicht belegt werden. Vgl. Zametkin, Alan J. et al. a.a.O., S. 44.

6 Firestone, David. Boy Took Parent's Guns For Attack, Sheriff Says. New York Times, 22 May 1999.

7 Diodà, Carin. Zappler werden ruhig gestellt. Facts Nr. 43, 1999, 28.10.1999.

8 Kurt Cobain 1967-1994. Ritalin vernichtet Teenie-Idol. Vgl. http://cchr.org

9 Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2284.

10 Novartis erwähnt als Nebenwirkung von Ritalin «in Einzelfällen psychotische Reaktionen (speziell paranoid-halluzinatorischer Art)». Vgl. Fachinformation von Novartis zu Ritalin. April 2002.

11 Dies war in einer Stichprobe von 98 Kindern der Fall, die seit eindreiviertel Jahren Ritalin erhielten. Vgl. Cherland E. & Fitzpatrick R. Psychotic side effects of psychostimulants: a 5-year review. Can. J. Psychiatry 1999 Oct; 44(8):811-3.

12 Gemäss Dr. Baughman gab es unter 2993 Fällen von Nebenwirkungen von Ritalin, die von der amerikanischen Behörde Food and Drug Administation 1990-1997 aufgelistet wurden, 160 Todesfälle und 569 Hospitalisationen, 36 davon wegen lebensgefährlichen Komplikationen. Auch verursachte Ritalin in vielen Fällen Herzrhythmusstörungen, Tachykardie (Herzrasen) und Bluthochdruck. Vgl. DeWeese, Tom. Ritalin is Poison. Insider's Report 5/2000 (7): 1-4.

13 Fachinformation von Novartis zu Ritalin. April 2002.

14 Fachinformation von Novartis zu Ritalin. April 2002.

15 «Bei emotional labilen Patienten, wie beispielsweise solchen mit Drogenabhängigkeit oder Alkoholismus in der Anamnese, ist Vorsicht angezeigt, da sie möglicherweise aus eigener Initiative die Dosis erhöhen.» Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2285. Und: «Bei nicht bestimmungsgemässem Gebrauch hat Methylphenidat ein stark ausgeprägtes psychisches Abhängigkeitspotential.» Fachinformation von Novartis zu Ritalin. April 2002.

16 Bartholomäus, Ulrike. Koks für Kinder. Focus 11/2002, 11.3.02, S. 200.

17 Vgl. http://kinder.socialreform.org.

18 Bartholomäus, Ulrike. a. a. O.

19 Vgl. Massello, W. A Fatality due to the intranasal abuse of methylphenidate (Ritalin). J. Forensic Sci. 1999 Jan; 44(1):220-1.

20 Vgl. Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2285.

21 Henderson TA; Fischer VW. Department of Anatomy and Neurobiology, St. Louis University Medical Center, MO 63104, USA. Effects of methylphenidat (Ritalin) on mammalian myocardial ultrastructure. Am. J. Cardiovasc. Pathol. 1995;5(1):68-78.

22 Powell, Cheryl. No magic pill cures disorder. Akron Beacon Journal, 18.4.2000.

23 Akron Beacon Journal, 1.8.2000.

24 Joan Baizer, Professorin für Physiologie und Biophysik, wies an der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für Hirnforschung am 11.11.2001 darauf hin, dass junge Ratten nach Ritalineinnahme eine deutlich erhöhte Anzahl von Neuronen mit erhöhter Aktivität des c-fos-Gen zeigten. Das c-fos-Gen spielt vermutlich bei der Entstehung von Sucht eine bedeutsame Rolle. Laut der Professorin müssen weitere Forschungen klären, ob weitere Gene durch Ritalin aktiviert werden und welche Folgen das hat. Vgl. Kupczik, Ingrid, Verursacht Ritalin eine Fehlfunktion der Neuronen. Die Welt vom 18.11.2001.

25 Bund Deutscher Internisten: Grotesker Verordnungsanstieg. Jeder Zappelphilipp ein Fall für Ritalin®? BDI aktuell 03-2002. Moll, G.H., Hause, S., Rüther, E. Rothenberger, A. Hüther, G. Early methylphenidate administration to young rats causes a persistent reduction in the density of striatal dopamine transporters. J. Child Adolesc. Psychopharmacol. 2001; 11: 15-24. Volkow N.D. et al., Am J. Psychiatry 2001; 158: 377-82.

26 Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V., Fachausschuss Kinder und Jugendliche: Offener Brief an die Bundesministerin für Gesundheit, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Bundesärztekammer und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 31. Januar 2002.

27 National Institut on Drug Abuse: NIDA Infofax 13555 Ritalin.

28 Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2285.

29 Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von der Universität Bremen machte dies in der Sendung «Pillen für den Störenfried? Über den Umgang mit hyperaktiven Kindern» dem Pharmakonzern Novartis (früher Sandoz) zum Vorwurf. Deutschland Radio Berlin, Reihe Zeitfragen, 13.1.2002.

 

 Manipulierte Ritalinstudie

Die sogenannte MTA-Studie1 wird von Ritalinbefürwortern öfter als Beleg für die angebliche «Wirksamkeit» der Droge angeführt. Doch die Studie macht einen äusserst unseriösen Eindruck. Sogar der wissenschaftliche Berater von Novartis gibt die Einseitigkeit der Studie zu.2 Der namhafte amerikanische Psychiater Peter R. Breggin, M.D., ärztlicher Direktor des International Center for the Study of Psychiatry and Psychology, unterzog die Studie einer sorgfältigen Überprüfung und kam zu dem Schluss, dass sie weder in bezug auf sauberes methodisches Arbeiten noch in bezug auf unparteiisches und kritisches Vorgehen wissenschaftlichen Standards genügt.3

jb. Pikant ist, dass alle wichtigen Mitarbeiter der MTA-Studie bereits vor ihrer Mitarbeit Verfechter des Ritalins4 waren. Einer der Mitarbeiter bezog – so Breggin – Gelder von der Pharmaindustrie.

An der Studie nahmen 579 Kinder mit der Diagnose ADHD (Attention Deficit/Hyperaktivity Disorder5) während 14 Monaten teil. Die erste Kindergruppe wurde mit Ritalin behandelt, die zweite mit Ritalin, kombiniert mit Verhaltenstherapie, die dritte mit Verhaltenstherapie und die vierte mit «Community care». «Community care» war definiert als das routinemässige Behandlungsangebot der Gemeinde, das meistens ebenfalls Ritalin beinhaltete

Die Studie behauptet, die Überlegenheit von Ritalin über Verhaltenstherapie bewiesen zu haben. Anlage und Durchführung der Studie sind jedoch so unzulänglich und fehlerhaft, dass sie diese Behauptung in keiner Weise stützen kann. 

Ein Hauptproblem der MTA-Studie ist, dass sie «open labelled» ist, das heisst, es gab weder eine Kontrollgruppe mit Placebo-Behandlung noch eine Kontrollgruppe ohne Behandlung. Zudem wussten alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt, welche Versuchsperson welche Behandlung erhielt. So konnten – bewusst oder unbewusst – die Wünsche der Beurteiler und Versuchspersonen das Resultat beeinflussen, was ein bekanntes Phänomen bei «open labelled studies» ist. Die Beurteiler (Eltern) hatten ein Interesse daran, dass das Resultat positiv war; die Versuchspersonen (Kinder) wollten mit ihren Antworten die Behandler zufrieden stellen. Das Open-label-Design ist hier besonders fragwürdig, weil Eltern und Lehrer von Anfang an mit einseitigen verharmlosenden Unterlagen zugunsten des Ritalins beliefert wurden. 

Die Tatsache, dass die MTA-Studie weder Placebo-kontrolliert noch doppelblind ist, macht sie wertlos, denn diese beiden Bedingungen sind wissenschaftlicher Minimalstandard für Medikamentenstudien. 

Eine weitere von Breggin aufgezeigte Fehlleistung ist die Wahl der verhaltenstherapeutischen Methode. Unverständlicherweise wurde ein unübliches, in Fachkreisen nicht anerkanntes Verfahren gewählt, das über keine nachgewiesene Wirkung verfügt. Dieses sei, merkt Breggin kritisch an, von einem Ritalinverfechter, Russell A. Barkley, begründet worden, der damit die angebliche Überlegenheit von Ritalin über psychologische Hilfeleistung festzuschreiben versuchte. 

Ein hilfreiches, wissenschaftlich fundiertes therapeutisches Vorgehen würde eine kontinuierliche individuelle Familienberatung mit dem Ziel einer Verbesserung der familiären Beziehungen einschliessen. Ausserdem müssen die Kinder in individuellen erzieherischen Interventionen motiviert und angeleitet werden, sich für die Schule einzusetzen und ihre sozialen Kompetenzen zu verbessern. Dass diese therapeutischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden, bringt zum Ausdruck, dass es den Autoren nicht um echte, von Mitgefühl getragene Hilfeleistung ging. Auch wurden die verhaltenstherapeutischen Sitzungen gegen Ende der Studie auf einmal pro Monat reduziert oder ganz abgebrochen. Das Ritalin hingegen wurde bis zum Ende der Studie verabreicht.

Peter Breggin zeigt noch weitere methodische Mängel der MTA-Studie auf: 

32% der Kinder, die in der Studie Ritalin erhielten, hatten das Mittel bereits vorher genommen. In diesen Fällen kann davon ausgegangen werden, dass die Eltern die Medikation unterstützten und somit gegenüber Ritalin voreingenommen waren. 

Zur Kontrolle der Nebenwirkungen von Ritalin wurden weder physiologische noch psychologische Parameter herangezogen, und es wurden keine medizinisch geschulten Fachleute eingesetzt, um diese zu erheben. Den Lehrern und Eltern, die ohne die notwendige Schulung einen Fragebogen über die Nebenwirkungen ausfüllen mussten, wurde versichert, Ritalin sei harmlos. Trotzdem wurden bei 64% der Kinder Nebenwirkungen festgestellt, bei 2,9% sogar schwere. Über die Hälfte der schweren Nebenwirkungen fielen unter die Kategorie «Depression, Ängste, Reizbarkeit», häufig beschriebene Nebenwirkung von Stimulantien. Ausgerechnet diese Nebenwirkungen wurden von den Autoren mit der Begründung ausgeklammert, sie könnten auch andere Ursachen haben. Einem nicht publizierten Handout ist zu entnehmen, dass die Kinder sich auf einer Depressionsskala selbst beurteilen mussten. Das Ergebnis dieser Selbstbeurteilungen erscheint in der veröffentlichten Arbeit nicht! 

Die einzig wirklich objektiven Beobachter, die «blind classroom observers», die die Kinder im Klassenzimmer beobachteten und nicht wussten, welche Art von Behandlung sie erhielten, stellten keinen Unterschied zwischen den vier Behandlungsarten fest. Diese wichtige Tatsache findet keine Erwähnung in der zusammenfassenden Diskussion. Auch die Klassenkameraden stellten keine Verbesserung im sozialen Verhalten der Ritalinkinder fest, und eine Verbesserung der schulischen Leistungen unter Ritalin konnte nicht festgestellt werden. 

Insgesamt disqualifiziert sich die Studie durch ihre krasse Einseitigkeit und methodische Unzulänglichkeit selbst. Sie als Beleg für die Wirksamkeit von Ritalin heranziehen zu wollen, ist unhaltbar und absurd. 

1 MTA Cooperative Group. A 14-month randomized clinical trial of treatment strategies for attention-deficit/hyperactivity disorder. Archives of General Psychiatry 56 (1999), 1073-1086.MTA Cooperative Group, Moderators and mediators of treatment response for children with attention-deficit/hyperactivity disorder: the multimodal treatment study of children with attention-deficit/hyperactivity disorder, Archives of General Psychiatry 56 (1999), 1088-1096. (MTA = Multimodal Treatment of ADHD).

2 Der Novartis-Berater René Spiegel bezeichnet die Studie in einem persönlichen Gespräch vom 28.11.2000 als «die wichtigste Studie» zu Ritalin, deren Autoren er zum Teil persönlich kenne. Die Einseitigkeit der Studie gibt er sofort zu und behauptet, alle Studien hätten einen «Bias» (einen systematischen, auf Voreingenommenheit beruhenden Fehler).

3 Breggin, Peter R., M.D. The NIMH multimodal study of treatment for attention-deficit/hyperactivity disorder: A critical analysis. International Journal of Risk & Safety in Medicine 13 (2000), 15-22.

4 Der Einfachheit halber wird im folgenden der bekannte Novartis-Markenname Ritalin® als Oberbegriff für Methylphenidat und verwandte psychotrope Substanzen verwendet.

5 «Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität»


Mit Ritalin und Prozac
gefügig für die Globalisierung?

zf. Aufgrund der verheerenden Nebenwirkungen und Gefahren von Ritalin müssen wir uns fragen, wie es kommt, dass dieser Stoff dermassen propagiert wird, dass seine Nebenwirkungen heruntergespielt und Kritiker angegriffen werden. Finanzielle Interessen von Novartis sind sicher im Spiel. Weltweit nehmen gegenwärtig ungefähr zehn Millionen Kinder täglich das Mittel ein,1 und in Deutschland steht Ritalin auf Platz sechs der Liste der meistverkauften Medikamente.2

Obwohl Ritalin als Betäubungsmittel nicht beworben werden darf,3 sponsert Novartis «Selbsthilfegruppen», die das Mittel propagieren,4 sowie ganze Ärztekongresse und Symposien.5 Die Botschaft lautet stets: «Die Behandlung von ADS/ADHS wird (mit etwas begleitender Therapie und Elternberatung) in erster Linie durch die Anwendung von Stimulantien durchgeführt. Für die weitere Behandlung wird der Einsatz von Antidepressiva diskutiert.» Novartis bezahlt auch Referenten, die auf Lehrerfortbildungen Ritalin anpreisen. Nicht einmal vor der direkten Beeinflussung von Kindern schreckt die Pharmafirma zurück. In einem farbig aufgemachten Bilderbuch lullt Novartis die Kleinen ein: «Die Tablette kann dir bei den Schularbeiten, beim Lernen und beim Spielen helfen.»6 

Der amerikanische Pharmakonzern Lilly, Hersteller des Antidepressivums Prozac, wird demnächst ein Ritalinkonkurrenzpräparat (Atomoxetin) auf den Markt bringen. Schon jetzt fördert und sponsert Lilly ein «Netzwerk betroffener Eltern, Lehrer und Ärzte», also von potentiellen Kunden, allein im Jahr 2001mit 150000 Mark.7  

Und dennoch sind die immensen Gewinne vermutlich nicht der einzige Grund für den Ritalinboom. Ganz andere Kreise scheinen mit der Verbreitung solcher psychoaktiver Substanzen eigene Ziele zu verfolgen. So schreibt Günther Amendt, Drogenapostel der 60er Jahre: «In der globalisierten und deregulierten Welt von morgen werden psychoaktive Substanzen [...] als Instrumente der sozialen Steuerung unabdingbar sein.» Der «neue Mensch» ist, so Amendt, «nur mit Hilfe psychoaktiver Substanzen [...] formbar». «Aufgabe der Pharmaindustrie in diesem Modernisierung genannten Prozess ist die Bereitstellung von psychoaktiven Substanzen.» – «Es geht auch um Produkte zur Regulierung des Sozialverhaltens beziehungsweise zur Eliminierung unerwünschter Verhaltensweisen. Die Psychodroge Ritalin ist das derzeit erfolgreichste Produkt in diesem Marktsegment.»8  

Dass solche Absichten auch in US-regierungsnahen Kreisen diskutiert werden, legt der Harvard-Politologe Fukuyama9 offen. Nachdem er ohne jede Begründung die Globalisierung unabdingbar hingestellt hat («kein Globalisierungsgegner hat eine alternative Vision anzubieten»), spekuliert er weiter: «Alle totalitären Staaten haben in der Vergangenheit versucht, [. . .] den 'neuen Menschen' zu schaffen. [. . .] Mit dem Fortschritt in der Gentechnologie könnte nun eine neue Form der sozialen Kontrolle möglich werden [. . .] Und es ist gar keine abseitige Utopie, wenn man sich allein anschaut, in welchem Umfang in den USA bereits jetzt Psychopharmaka wie Prozac oder Ritalin eingesetzt werden, um Persönlichkeitsveränderungen in weiten Teilen der Bevölkerung zu erreichen.»10 

Bezeichnenderweise gehört Daniel L. Vasella, Präsident von Novartis, zu den Teilnehmern der berüchtigten Bilderbergtreffen11, wo eine handverlesene, illustre Machtelite regelmässig – fern jeder demokratischen Kontrolle – nirgends öffentlich diskutierte und nie demokratisch legitimierte geostrategische Absprachen trifft. Wenn es den Macht- oder Geschäftsinteressen nutzt, verhandeln die Strategen an diesen Treffen vielleicht auch, mit welchen Methoden sie die Menschen daran hindern wollen, sich gegen Kriege und Ungerechtigkeiten und für ein demokratisches und friedliches Zusammenleben einzusetzen? 

«Ritalin ist ein Mittel, um spätere Friedensfähigkeit zu verhindern,» meint ein Ritalinkritiker. Ein anderer spricht vom «Opium-Krieg gegen unsere Kinder». Beverly Eakman, Gründerin des National Education Consortium warnt: «Es ist geplant, so viele Kinder wie möglich mit der Droge Ritalin zu betäuben, weil das Mittel sie empfänglicher macht für Suggestionen und dafür, Dinge zu tun, die sie normalerweise nicht tun würden.»12 

Das wollen weder Eltern noch Kinder noch sonstige Bürger, die im Sinne des Gemeinwohls denken.  


Fussnoten:

1 Hüther, Gerald & Bonney, Helmut. Neues vom Zappelphilipp. Düsseldorf; Zürich 2002, S. 13.

2 Das Zappelphilipp-Syndrom. Spiegel 11/2002 vom 11.3.2002, S. 220.

3 Aussage des Novartis-Vertreters (Telefonat vom 28.11.2000).

4 Novartis bezahlte einer «Selbsthilfegruppe Aufmerksamkeitsgestörter und Hyperaktiver» in den USA namens CHADD (Children and Adults with ADHD) 900 000 Dollar, was der Novartis-Sprecher sofort zugab (Telefonat vom 9.11.2000).

5 Hauptsponsor für das 4. Berner Symposium zur Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Thema ADHS am 29./30. Juni 2001 war Novartis (daneben Lilly). Ebenso sponserte Norvartis das Symposium «Hyperkinetische Störungen» des Zentralinstitutes für Seelische Gesundheit (Mannheim) in Ludwigshafen vom 28.9.2000, die Jahrestagung des Deutschen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte zum Thema ADS in Karlsruhe vom Juni 2001 sowie die demnächst stattfindende Psychiater-Fortbildung in Basel vom 16. Mai 2002 zum Thema «ADHS im Kindes- und Erwachsenenalter». Mit dem Motto «ADHS, eine treue Begleiterin ein ganzes Leben lang» wird hier bereits auf eine lebenslängliche (für die Pharmaindustrie vorteilhafte) «Pharmako-Therapie mit Stimulantien und/oder Antidepressiva» vorbereitet.

6 Krake Hippihopp. Wie der Krake das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) erklärt wurde. Nürnberg: Novartis Pharma Verlag, 2001.

7 Gessler, Katharina & Meyer-Wellmann, Jens: Das «Lilly»-Projekt: Hilfe für Kinder? «Hamburger Abendblatt», 31.8.01.

8 Amendt G. Ohne Drogen keine Zukunft. Psychoaktive Substanzen zwischen Ächtung und Akzeptanz. «Neue Zürcher Zeitung», 12./13. August 2000, S. 90.

9 Fukuyama gehörte in den achtziger Jahren zum Planungsstab des US-Aussenministeriums und arbeitet heute für RAND, einen «think-tank», der das US-Verteidigungsministerium berät.

10 Fukuyama, Francis. Der neue Mensch am Ende der Geschichte. Die Welt am Sonntag, 20.5.2001.

11 http://www.bilderberg.org

12 O'Meara, Kelly Patricia. Ritalin Proven More Potent Than Cocaine – Nearly 10 Million Kids Drugged. www.insightmag.com/archive/200110015.shtml.

 

 

 Teesside, England

Entzugsklinik für Ritalinkinder

jb. Steve Baldwin, Psychologieprofessor an der Universität von Teesside (England), eröffnete im Sommer 2000 zusammen mit Janice Hill und weiteren Mitarbeitern eine Entzugsklinik für Kinder, die unter psychiatrischen Drogen standen. Bereits zwei Tage nach Erscheinen des Zeitungsartikels über die Klinik waren 350 Anfragen von Eltern eingetroffen. In den Gesprächen mit den Eltern stellte sich heraus, dass viele Kinder einen ganzen Cocktail von psychiatrischen Drogen zu sich nahmen. Einige standen sogar unter Risperdal, einem Neuroleptikum, das für die Behandlung von Schizophrenen über 14 Jahren verwendet wird. Es gab 8jährige Kinder, die Risperdal nahmen. Ein 18 Monate altes Baby bekam Ritalin. Um die alarmierende Situation weiter zu erforschen, führte Professor Baldwin mit seinem Team eine Studie durch, die 100 Eltern mit ihren Kindern umfasste. Alle Kinder litten unter Nebenwirkungen, darunter auch Psychosen, Halluzinationen, Magersucht, schwere Aggression und ernste Selbstverletzungen. Leider musste die Klinik im Jahr 2001 schliessen, da Professor Baldwin tödlich verunfallte. Doch inzwischen haben Janice Hill und weitere Mitarbeiter finanzielle Mittel für die Wiedereröffnung bereit gestellt; sie werden die Klinik noch im April neu eröffnen.

Quelle: New Scientist 23.3.2002, S. 47.

 

 Virtuelle Welt oder reales Leben?

Aufgaben der Erziehung
angesichts einer veränderten Kindheit und Jugend

von Professor Dr. Helmut Zöpfl, Lehrstuhl für Schulpädagogik, Universität München

«Kinder an der Macht. Sie bewegen Milliarden, terrorisieren Eltern, erobern Märkte» – so titelte das Magazin «Stern» in seiner Ausgabe vom 26. März 1997.1 Im entsprechenden Artikel ist die Rede vom «Konsumterror im Kinderzimmer»2, von Kindern als «heimlichen Lenkern des Marktes»3. Mit einer Fülle von Umfrageergebnissen wird belegt, dass die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen im Jahr 1997 von Werbung und Konsum bestimmt war. Unbestritten scheint, dass «die 'Dingwelt', in der die Kinder einst lebten, von einer Markenwelt abgelöst wurde, in der Auto Mercedes oder Benz heisst, Taschentuch Tempo, Joghurt Fruchtzwerge und Schokolade unweigerlich als lila Milka-Kühe endet».4

Die Pädagogik darf an diesen Veränderungen nicht vorbeigehen, sondern muss vielmehr die darin liegenden Chancen, aber auch die Gefahren erkennen, wenn es letztlich um das Wohl des Kindes gehen soll:

Streben nach Bequemlichkeit und unbegrenzter Lusterfüllung («Fun»): Übergewicht, Haltungsschäden, Koordinationsprobleme, psychosomatische Erkrankungen, Allergien, Beeinträchtigung des Hörvermögens

erschreckend geringe Frustrationstoleranz: Suchtgefahr, Depressionen, hoher Konsum von Psychopharmaka

emotionale Verarmung: mangelnde Sensibilität (Gespür, Takt, Geschmack)

Verplanung der Kindheit; Verlust von Phantasie und Kreativität

Verlust der Gemeinschaft, Vereinzelung, Vereinsamung

Radikale Säkularisierung und Kommerzialisierung: Sinnverlust (hohe Suizidquote unter Kindern und Jugendlichen!), diffuse und irrationale Ersatzreligionen

Abhängigkeit, Unselbständigkeit, Identitätsverlust: Kinder als Konsumenten.

Es ist leicht einzusehen, dass die Unterscheidung zwischen Primärerfahrung und Sekundärerfahrung theoretischer Art ist. Eine im strengen Sinn unmittelbare, direkte, eben primäre Erfahrung gibt es gar nicht, sie ist immer schon vermittelte, also indirekte, sekundäre Erfahrung. Aber auch wenn die Wirklichkeit niemals im strengen Sinn primär erfahren werden kann, ist dennoch nicht zu leugnen, dass Indirektheit und Mittelbarkeit der Erfahrung mit dem Fortschritt der Technik zunehmen. Phänomene wie Computerspiele, Talklines zum Flirten am Telefon, Computerbanking, Freizeit in der virtuellen Realität und vieles andere mehr zeigen deutlich, dass ehemals ursprüngliche, natürliche Prozesse, Handlungen und Verhaltensweisen in einer künstlichen, konstruierten, technisch erzeugten Welt erfahren werden. Die direkte, unmittelbare Begegnung mit anderen Menschen wird ersetzt durch einen mediatisierten, technisch umgeleiteten und anonymen Einbahnstrassenkontakt.

Es besteht kein Zweifel, dass der Medienkonsum von jungen Menschen in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Aus mehreren Untersuchungen, die von meinem Lehrstuhl aus an Schulen durchgeführt wurden, lässt sich erkennen, dass selbst jene Kinder voll und ganz in die Medienwelt integriert sind, deren Eltern bewusst den Medienkonsum bis hin zum Verzicht einschränken; ferner hat sich in unseren Umfragen bestätigt, dass der Konsum von Medien wie CDs, Videos, Spielfilmen und vor allem Computerspielen bei den Freizeitbeschäftigungen an vorderste Stelle gerückt sind. Nach einer Untersuchung von Bonfadelli besassen bereits 1986 ungefähr 90% der 12- bis 15jährigen ein eigenes Radiogerät und 40% eine HiFi-Anlage. 30% der 9- bis 10jährigen und 50% der 12- bis 15jährigen besitzen ein eigenes Fernsehgerät; die durchschnittliche tägliche Sehdauer der 6- bis 13jährigen beträgt ein bis zwei Stunden. Die meisten Kinder sitzen zwischen 18 Uhr und 21.45 Uhr vor dem Fernseher, etliche auch noch nach 23 Uhr. Das Medium Video benutzen Jugendliche im Durchschnitt etwa eine halbe Stunde täglich, überwiegend am Wochenende. Einen eigenen Computer besassen im Jahre 1992 bereits 44% der Kinder und Jugendlichen zwischen der vierten und zehnten Klasse. Für jüngere Kinder sind von der Industrie eine Reihe von Spielmöglichkeiten entwickelt worden, vom einfachen tragbaren Video-Taschenspiel bis hin zu speziellen Spielkonsolen. 14- bis 17jährige verwenden ihr Taschengeld vorwiegend für den Kauf von Musikkassetten und CD-ROM.

Nach Bonfadelli verwenden Kinder und Jugendliche durchschnittlich 4 bis 5 Stunden am Tag für Mediennutzung: Dabei verbringen sie die Hälfte der Zeit mit auditiven Medien, etwa ein Drittel mit audiovisuellen Medien und etwa eine gute halbe Stunde mit Printmedien.

Mit dem durch Satellitenfernsehen weit vergrösserten Programmangebot veränderte sich unter dem Diktat der Einschaltquoten auch oft die Qualität der Sendungen. Bei Kindern rangieren in den unteren Jahrgängen eindeutig Zeichentrickfilme an erster Stelle; aber auch Werbespots haben einen hohen Beliebtheitsgrad. Knapp vor Abenteuer- und Actionfilmen sowie Thrillern liegen noch Comedy-Serien wie «Alf» oder «Eine schrecklich nette Familie». Auf besonderes Interesse stossen aber in den letzten Jahren Soap-operas wie «Gute Zeiten – schlechte Zeiten» oder «Marienhof». Vor allem die im Nachmittagsprogramm auftauchenden Talkshows wie «Arabella» weisen einen hohen Zuschaueranteil bei Kindern und Jugendlichen auf.

Zusammenfassend darf ich feststellen, dass der in den letzten Jahren rasant gestiegene Medienkonsum die Freizeit und Lebenswelt unserer Kinder und Jugendlichen dramatisch verändert hat. Auch wenn sich dabei eine Reihe von Chancen und Vorteilen ergeben, scheint mir doch die Entwicklung vom Unmittelbaren zum Mittelbaren hin zahlreiche Gefahren für eine gesunde Entwicklung mit sich zu bringen, die im folgenden näher betrachtet werden.

Gefahren des übersteigerten Medienkonsums

1. Eingeschränkte Rumpf- und Schulterbeweglichkeit, Übergewicht, Koordinationsschwierigkeiten, Essstörungen, Nervosität und Schlafstörungen sowie eine Reihe psychosomatischer Erkrankungen und der hohe Konsum von Psychopharmaka beweisen, dass zu grosser Medienkonsum zu Bequemlichkeit, Verweichlichung sowie im psychischen Bereich zu mangelnder Frustrationstoleranz führen. Der Verlust sinnlicher Betätigungen reduziert den Menschen auf ein Funktionswesen nach dem Reiz-Reaktions-Schema, das weitestgehend durch den Konsumdruck gesteuert wird. Dieser Zusammenhang wird zum Beispiel bei den massenpsychotischen Phänomen unter Jugendlichen deutlich, deren Ersatzreligion in der fanatischen Verehrung bestimmter Jugendgruppen wie «Take That», «Backstreet Boys» oder der «Kelly-Family» besteht.

2. Die Zunahme passiven Konsums hat zur Folge, dass die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit von Jugendlichen reduziert. Medial vermittelte Lernprozesse, die sich in der Weitergabe von Klischees und «Infos» erschöpfen, werden zunehmend ein Teil der Grundsozialisation junger Menschen, wie sie zum Beispiel auch auf den Bereich der Sexualerziehung zutrifft. Die (vermeintliche) Freiheit weicht dabei Entscheidungszwängen; die Gefahr nimmt zu, dass Jugendliche manipuliert werden, ohne es zu merken, indem sie herrschende Trends und attraktive Modeideale internalisieren.

3. In Deutschland hat die Kinderkriminalität in den letzten fünf Jahren um zwei Drittel zugenommen. Hauptdelikte in der Kinder- und Jugendkriminalität sind Ladendiebstahl und Sachbeschädigung. Aber auch sprachliche Verrohung und Formen versteckter Gewalt, wie sie am Pausen- und Freizeitverhalten unserer Kinder und Jugendlichen zu beobachten sind, stehen in engem Zusammenhang mit dem Konsum bestimmter Medienangebote. Scheinbar «harmlose» Zeichentrickfilme, aber auch Gewalt- und Horrorvideos vermitteln ein primitives Gut-Böse-Schema und eine drastische Darstellung des Hässlichen, Brutalen und Rücksichtslosen, die auf Kinder und Jugendliche wegen ihrer markanten Darstellung eine besondere Attraktivität ausübt.

4. Im Zusammenhang mit der Gewaltproblematik ist darauf hinzuweisen, dass auch die Wertorientierung der Kinder und Jugendlichen auf sekundäre Weise beeinflusst wird. Besonders in Talkshows werden Kinder unter dem Deckmantel der «Toleranz» innerhalb kürzester Zeit mit den extremsten Werten konfrontiert, ohne dass Massstäbe erkennbar würden, die zur Erkenntnis des Wahren und Guten, aber auch des Schönen beitrügen. «Jedem das Seine – mir das Meiste» – diese Parole scheint typisch für den diffusen Wertekosmos unserer Medienwelt zu sein.

5. Die eben angesprochene Subjektivierung hat natürlich eine Vereinsamung und den Verlust der Gemeinschaft zur Folge, so dass seit neuestem die sogenannte «soziale Kompetenz» zu einer Schlüsselqualifikation hochstilisiert wird. Grundlegende soziale Fähigkeiten werden schon seit Urzeiten im einfachen, unmittelbaren Spiel eingeübt. Hanne Tügel hat in ihrem ausgezeichneten Buch «Kult ums Kind» diesen Verlust des Spielerischen folgendermassen beschrieben: «Es verschwinden die Phasen, in denen selbst ausgedachte und mit den Mitspielern gemeinsam ausgehandelte Regeln das Spiel bestimmen. Gerade dies war in der Vergangenheit von kaum zu überschätzender Bedeutung für die Sozialisation: Spiel ist eine selbstbestimmte, forschende Erkundung. Sie ermöglicht Welt-Begreifen und Welterfassen. [. . .] Beim Gruppenspiel mischen sich die Mit- und Gegenspieler in die Weltaneignung ein. Der eigene Wille stösst auf einen fremden. Jetzt geht es darum, sich durchzusetzen und zurückzustecken, Grenzen zu akzeptieren, sich zu arrangieren. [. . .] Spiele [sind] [. . .] ein subtiles Ventil, um negative Erfahrungen wie Kränkungen, Ärger, Demütigungen auf eine neue Ebene zu heben und dabei zu verarbeiten»5 – Wie armselig und pädagogisch wertlos erweisen sich davon ausgehend die meisten Computer- und Videospiele!

6. Besonders die schier übermächtige Bedeutung von Marken bei Kleidung, aber auch Essen und Trinken sowie Sport und die hohe Attraktivität der Werbeartikel von Musikgruppen und Fussballvereinen trägt dazu bei, dass bereits Kinder grosse Schwierigkeiten haben, ein gesundes Selbstbewusstsein und eine eigene Identität als Persönlichkeit zu entwickeln. Wer ständig in der Werbung als Idealbild den jungen, gesunden, schlanken, leistungsfähigen, erfolgreichen und gutaussehenden Menschen vorgeführt bekommt, wird stets an seine eigenen Unzulänglichkeiten erinnert und so kaum fähig, jene Ich-Stärke zu entwickeln, aus der heraus man sein Leben bewältigen und auf andere Menschen selbstbewusst zugehen kann.

7. Modetrends und unrealistische Idole, wie sie in den Medien immer mehr als Symbole zur Alltagsbewältigung dargestellt werden, tragen auch dazu bei, dass Kinder und Jugendliche Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr hinreichend unterscheiden lernen. «Der Rückzug in virtuelle Welten dürfte die echte noch unwirklicher machen.»6 Kinder und Jugendliche werden so illusioniert und der realen Alltagswelt entfremdet. Anstrengung, mühevolle Leistung über einen längeren Zeitraum hinweg, ja sogar Verzicht und Askese können so in ihrer grundsätzlichen Bedeutung von jungen Menschen kaum mehr erkannt werden.

8. Der häufige Konsum von Videospielen und die übermässige Beschäftigung mit dem Computer hat eine Verdrängung von Gefühlen zur Folge, die sich an anderer Stelle wieder verstärkt Ventil schaffen. Hanne Tügel stellt hierzu zutreffend fest: «Wer als Kind nie gelernt hat, seine aggressiven Gefühle im realen Spiel mit echten Spielkameraden wahrzunehmen und unter Kontrolle zu bringen, hat als Teenager ein Problem. Reales Ausrasten und Prügeln hat unangenehme Folgen wie blaue Flecken, gebrochene Rippen. Es bleiben die Angebote aus dem Reich der Simulationen: Marathon im Techno-Rhythmus baut das vermisste Körpergefühl auf. Ecstasy liefert die Hochstimmung, die im Alltag fehlt. Und in den Pausen, zwischen dem kontrollierten Ausflippen, den „Raves“ am Wochenende, bleibt das Bildschirmspiel, der Kampf mit der Maschine, der keinem wehtut, die Auseinandersetzung mit den Helden, die es einem nicht übel nehmen, wenn man sie hart rannimmt.»7

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen: Alle geschilderten Folgen übermässigen Medienkonsums als Indikator für den Verlust von Primärerfahrungen sind deshalb für die jungen Menschen so gefährlich, weil sie verhindern, dass Kinder und Jugendliche fähig werden, ihr Leben zu bejahen, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln und dadurch ihren Alltag sinnorientiert und verantwortungsbewusst zu gestalten. Familie und Schule müssen daher ihren Erziehungsauftrag wieder ernster nehmen.

Die neuen Autoritäten

«Antiautoritäre Erziehung», «Pluralismus», «Autoritätsschwund», «Emanzipation», «Selbstbestimmung» usw. – all das sind Schlagwörter aus den letzten Jahren, die mehr oder weniger deutlich gemacht haben, dass wir in einer wie auch immer näher zu bestimmenden Autoritätskrise stehen. Diese kann wie jede Krise auch eine fruchtbare Aufbruchsituation sein, indem man nicht einfach bedingungslos etwas glaubt und nachbetet, weil es «schon immer so» oder zumindest sehr lange so gewesen ist. Es ist durchaus sinnvoll, sich auf seine eigene Entscheidungsfreiheit und seinen gesunden Menschenverstand zu besinnen und auch Autoritäten auf ihre Legitimation hin zu befragen. Nur muss man genauso gut die kritische Frage stellen, welche neuen Autoritäten sehr häufig unbefragt anstelle der alten getreten sind und treten, und mit denen alles andere als kritisch umgegangen wird.

Erzieherische Konsequenzen für Schule und Familie

Technische Entwicklungen bringen neben einer Fülle von neuen Möglichkeiten und Chancen immer auch Gefahren mit sich. Eine Pädagogik, in deren Mittelpunkt das Wohl des Kindes steht, muss daher die Veränderungen als Herausforderungen betrachten, um daraus Konsequenzen für die erzieherische Arbeit abzuleiten. Eine intensive Medienerziehung setzt voraus, dass Familie und Schule den Kindern nicht nur Sachkenntnisse, sondern auch Massstäbe vermitteln, mit deren Hilfe sie sich in der immer komplizierter werdenden Wirklichkeit zurechtfinden können und so aus echter Ich-Stärke heraus handeln.

Jede pädagogische Reflexion setzt ein bestimmtes Menschenbild voraus. Auf der Grundlage der personalen Pädagogik8 verstehe ich den Menschen als ein im wahrsten Sinne des Wortes «Lebe»-Wesen, als Sinneswesen, als ein Leib-Seele-Wesen. Angesichts der sekundären Wirklichkeit ergeben sich davon ausgehend für die familiale und schulische Erziehung eine Reihe existentieller Konsequenzen:

1. Der junge Mensch mit seinen spezifischen und entwicklungspsychologisch typischen Fragen und existentiellen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt der Erziehung. Seine Fragen, Wünsche und Ängste, Hoffnungen und Träume sind Ausgangspunkt jeder erzieherischen Hilfestellung von Eltern und Lehrern. Gerade in der Familie ist die zeitintensive Zuwendung und Beschäftigung mit den Kindern eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Kinder im sicheren Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens eine gesunde Ich-Stärke entwickeln können. Gegen jede Pädagogisierung und Psychologisierung gilt es, das Recht auf Kindsein wieder mehr zu respektieren.

2. Entgegen der sekundären Wirklichkeit kommt es stärker darauf an, dem Kind Gelegenheiten zu erschliessen, das Faszinosum Leben unmittelbar zu erfahren. Entsprechend dem pädagogischen Prinzip der Lebensnähe sollte gerade in einer technisierten Welt das Wunder des Lebens, seine Vielfalt und Dynamik, aber auch der Geschenkcharakter des Lebens dem Kind erfahrbar werden. Das Staunenkönnen ist ja bekannterweise auch aus entwicklungspsychologischer Sicht eine wesentliche Voraussetzung dafür, Vertrauen in die Wirklichkeit zu gewinnen und so zu Verantwortung fähig zu werden. Es braucht aber Zeit dafür, bestimmte Erfahrungen zu sammeln, diese verstehen und einordnen zu können. Nicht die Überflutung mit Informationen, sondern die echte Begegnung mit der Wirklichkeit in altersgemässer Form hilft dem Kind, ein lebensbejahendes und sinnerfülltes Verhältnis zur Welt zu gewinnen.

3. Diese Verantwortungsfähigkeit, wie sie aus dem Urvertrauen zu den Eltern und der Geborgenheit in der Familie erwächst, muss in der Schule dadurch gefördert werden, dass die Lehrer ihre Erziehungsziele möglichst in der originalen Begegnung vermitteln. Abstrakte Begriffe müssen mit Leben gefüllt, begreifbar und erfahrbar gemacht werden. Insbesondere im religiösen Bereich scheint mir in der familiären und schulischen Erziehung die Vermittlung eines lebendigen Glaubens verlorengegangen zu sein. Dort, wo die Eltern an ihrem Glauben keine Freude mehr haben, diesen nicht mehr als Antwort auf die Sinnfrage verstehen, da wird jeder didaktisch noch so versierte Religionsunterricht zum Misserfolg verdammt sein.9

4. Insbesondere in der Familie, aber auch in der Grundschule ist eine stärkere Gewichtung des Spieles und der damit verbundenen Spielfreude zu beachten. In unseren drogenpräventiven Untersuchungen10 des Projektes «Live Leben» konnten wir den Beweis erbringen, dass Kinder und Jugendliche, die sich in Spiel- und Sportgemeinschaften betätigen, am besten vor einer Flucht aus dem Alltag in die Drogensucht geschützt sind. Schule und Familie müssen im Spiel und darüber hinaus jene Gemeinschaftserlebnisse fördern, aus denen die Kinder und Jugendlichen wesentliche personale und soziale Fähigkeiten gewinnen. Vor diesem Hintergrund müssen wir den verschiedensten Bereichen der Freizeiterziehung wieder grössere Aufmerksamkeit schenken.

5. Eltern und Lehrer sollten wieder stärker den Mut zum Vorbild haben. Angesichts der ethischen Orientierungslosigkeit in der Werteinflation der sekundären Wirklichkeit gilt es, die jungen Menschen zur Urteilsbildung zu befähigen und zum sittlichen Handeln zu ermutigen. Kinder und Jugendliche können besonders dort zu Persönlichkeiten heranreifen, wo sie aus einer festen Überzeugung heraus im Gegensatz zu gesellschaftlich dominierenden Strömungen stehen.

6. Erziehung als Lebenshilfe rückt die ganzheitliche Bildung als Globalziel in den Mittelpunkt. Medienkompetenz darf nicht nur heissen, bestimmte Kulturtechniken im Umgang mit neuen Geräten zu vermitteln, sondern die Kinder und Jugendlichen gerade auch im Umgang mit ihren Gefühlen so zu stärken, dass sie nicht sofort auf fragwürdige Scheinwirklichkeiten der Medien hereinfallen.

7. Unverzichtbar notwendig ist eine besondere Förderung der wert- und sinnorientierten Dimensionen des menschlichen Lebens. Es gilt, die jungen Menschen bei der lebenslangen Auseinandersetzung mit der Sinnfrage zu fördern und zu begleiten, damit sie so wirklich einen Stand im Leben gewinnen und fähig werden, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Die Fülle der Informationen und Wertangebote lässt häufig vergessen, dass dabei die Frage nach dem Sinngrund unseres Daseins, nach den Ordnungsmassstäben um so grösseres Gewicht bekommt. Vernetztes Denken allein genügt nicht – welchen Sinn erfüllt ein Netz, wenn die Haltepunkte fehlen? Das Sinn- und Orientierungswissen ist im Rahmen einer mehrdimensionalen Bildung unverzichtbar. Eltern und Lehrer sind und bleiben Vorbilder, und von deren Qualität hängt es entscheidend ab, ob die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen fähig werden, sich in einer immer komplizierteren Welt zurechtzufinden und zu orientieren.

Vortrag, gehalten anlässlich der Tagung der Internationalen Hippokratischen Gesellschaft am 23. März 2002 in Bregenz.

Fussnoten

1 Vgl. Stern, Heft Nr. 14, 26.3.97, S. 50-64

2 Ebd. S. 53

3 Ebd. S. 52

4 Ebd. S. 56

5 Tügel 1996, S. 158

6 Ebd. S. 168

7 Ebd. S. 162

8 Vgl. Stippel 1958; Zöpfl 1976

9 Zu einem lebensnahen Religionsunterricht vgl. Gottfried 1995.

10 Vgl. Zöpfl 1993

Literaturverzeichnis

Bauer, K. W. / Hengst, H. (1980). Wirklichkeit aus zweiter Hand. Kinder in der Erfahrungswelt von Spielwaren und Medienprodukten. Reinbek b. Hamburg

Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.) (1996): Medienerziehung in Bayern. Einführung in das Gesamtkonzept. Donauwörth

Bonfadelli, H. u. a. (1986): Jugend und Medien. Frankfurt

Borst, O. (1983): Alltagsleben im Mittelalter. München.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1993): Computerspiele: Bunte Welt im grauen Alltag. Bonn.

Freyer, H. (1955): Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart.

Gottfried, T. (1995): Religionsunterricht als Lebenshilfe. Diakonische Orientierung des Religionsunterrichts in der postmodernen Gesellschaft. Essen.

von Hentig, H. (1984): Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. En Pädagoge ermutigt zum Nachdenken über die Neuen Medien. München-Wien.

Jugendwerk der Shell (Hrsg.): Jugend 92, Band 4. Opladen.

Merkert, R. (1992): Medien und Erziehung. Einführung in pädagogische Fragen des Medienzeitalters. Darmstadt.

Stippel, F. (1958): Grundlinien personaler Pädagogik. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik (1958)3, S. 149-168.

Tügel, H. (1996): Kult ums Kind. Grosswerden in der Kaufrauschglitzercybergesellschaft. München.

Zöpfl, H. (Hrsg.) (1976): Besinnung auf den Menschen in der Pädagogik. Donauwörth.

Zöpfl, H. (1993): Drogen. Informieren und Vorbeugen in der Erziehung. Donauwörth.

Zöpfl, H. (1994): Bildung und Wissen in einer veränderten Welt. In: Seibert, N. / Serve, H. J. (Hrsg.) (1994): Bildung und Erziehung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Multidisziplinäre Aspekte, Analysen, Positionen, Perspektiven. München, S. 487-512.

 


 Unterrichtsstil und Hyperaktivität

von Ilse Berg, Lehrerin, Deutschland

Ein wichtiger Faktor, der zu Unruhe oder aber zu seelischer Ausgeglichenheit und Lebensfreude der Kinder beiträgt, ist die Schule. Sowohl die Lehrerpersönlichkeit als auch die Unterrichtsmethoden können entscheidend günstig oder ungünstig Einfluss nehmen. Am folgenden Beispiel soll aufgezeigt werden, wie sich sogenannt «offene» Unterrichtsformen, die heute vielerorts praktiziert werden, auswirken können. Es ist in Fachkreisen unbestritten, dass «hyperaktive» Kinder im offenen Unterricht besondere Orientierungsschwierigkeiten haben und dass sogar bisher unauffällige Kinder in nicht direkt angeleitetem, unstrukturiertem mit frei verfügbarem «Lernangebot» zu Unruhe und Orientierungslosigkeit neigen. In klar strukturiertem, angeleitetem Unterricht mit einem zugewandten Pädagogen, der sich in seiner ganzen Persönlichkeit einbringt, können dieselben Kinder sehr wohl ruhig und intensiv lernen. Wie sich die Art des Unterrichts auf Kinder auswirkt, wird am Beispiel der Zwillinge Mara* und Johanna* ersichtlich.

Mara und Johanna werden von ihren Eltern sorgfältig und liebevoll erzogen. Beide Mädchen sind altersgemäss entwickelt und wurden im Kindergarten gleich gut gefördert.

Bei der Einschulung bittet die Mutter, die Mädchen in zwei verschiedenen Klassen unterzubringen, damit keine Konkurrenz entstehe. Die Schule entspricht diesem Wunsch gern. Mara kommt in eine Klasse mit 26 Schülern, deren Lehrerin kurz vor der Pensionierung steht. Sie arbeitet allein in der Klasse. Johannas Lehrerteam dagegen ist jung. Es sind zwei Lehrerinnen, die gleichberechtigt als Klassenlehrerinnen unterrichten. In dieser Klasse sitzen nur 24 Schüler.

Mara hat Unterricht von 8.00 Uhr bis 12.30 Uhr. Spielsachen darf sie nur nach Absprache mit der Lehrerin mitbringen. Schon nach kurzer Zeit hat sie einen festen Stundenplan. Lesen, Basteln, Rechnen, Musik, Sport und Sachunterricht finden täglich zur gleichen Zeit statt.

Johanna dagegen hat täglich «verlässliche Halbtagsgrundschule», das heisst Unterricht, unterbrochen durch Spielzeiten. Die Kinder besuchen die Schule alle von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr. Johanna hat keinen Stundenplan, sie darf Spielzeug in die Schule mitnehmen.

Mara bekommt täglich Hausaufgaben. Sie muss lesen üben und Buchstaben farbig ausmalen. Nach einem halben Jahr kann Mara schon viele Zahlen und Buchstaben erkennen. Sie beginnt erste Leseübungen.

Johanna möchte auch Hausaufgaben machen, deshalb spricht die Mutter mit den Lehrerinnen. Sie macht sich Sorgen, denn Johanna ist zu Hause unruhig und streitet viel mit ihrer Schwester. Johanna äussert, dass sie die eine Lehrerin nicht mag, weil sie immer meckere. Die Mutter erfährt, dass Johanna «offenen» Unterricht hat. Die Lehrerinnen möchten nicht, dass zu Hause geübt wird, denn sie sind der Meinung, die Kinder sollten sich entspannen, damit sie den «Schulstress» aushalten.

Tatsächlich wirkt Johanna nach der Schule oft erschöpft und ist schlechter Stimmung. Hunger hat sie nicht, und meist schläft sie sofort ein. Anstatt zu spielen, starrt sie oft vor sich hin, dann wieder ist sie überspannt, rennt herum und ist sehr wild.

Die Eltern verstehen nicht, warum sich die beiden Mädchen so unterschiedlich entwickeln. Die Eifersucht ist verstärkt, und die Freundschaft, die von klein auf zwischen den beiden Mädchen gewachsen war, tritt in den Hintergrund.

Mara hat zwei beste Freundinnen, mit denen sie sich auch schon manchmal verabredet. Johanna kann gar nicht sagen, wer von ihren Klassenkameraden in der Nähe wohnt, es fällt ihr schwer, zu sagen, welches Mädchen nett ist. Sie erzählt öfter von Streitereien und Schlägereien im Klassenzimmer.

Die eine Lehrerin von Johanna hat sich an eine andere Schule gemeldet. Die Schulleitung begründet, im Team habe es Schwierigkeiten gegeben. Nach einem Jahr ist auch die zweite Lehrkraft nicht mehr an der Schule. Sie erwartet ein Kind. Nun wird Johannas Klasse von einer Lehrerin übernommen, die geführten Klassenunterricht macht, wie sie den Eltern an einem Elternabend erklärt. Auch teilt sie den Eltern mit, dass die Klasse einen grossen Leistungsrückstand habe und sorgfältig zu einer Klassengemeinschaft angeleitet werden müsse, bevor die Unruhe sich legen kann. Viele Eltern, die schon an der Begabung ihres Kindes gezweifelt haben, sind erleichtert. Vielleicht liegt es doch nicht am Kind, dass es so grosse Mühe mit dem Lernen hatte?

Langsam beruhigt sich Johanna. Etwa in der Mitte der zweiten Klasse kann sie die ersten Sätze lesen. Sie bekommt jetzt regelmässig Hausaufgaben, die sie mit Freude erledigt. Erste Freundschaften entstehen. Nach der Klassenreise ist sie wie ausgewechselt, fröhlich und unbeschwert wie früher. Die Freundschaft der Schwestern kann sich wieder entfalten. Die Eltern sind froh, dass sie dem Rat des Schulpsychologen nicht gefolgt sind, ihrer Tochter Ritalin zu geben.

* Namen und Umstände von der Redaktion geändert.

 

Keine besseren Schulleistungen
mit Ritalin

Zuweilen wird behauptet, unter Ritalin könnten die Kinder besser lernen. Das ist ein Trugschluss:

  • «Stimulantien verbessern zwar das Arbeitsverhalten und die Fähigkeit, eine Aufgabe fertigzustellen, doch langfristige Verbesserungen des Schulerfolges wurden nie nachgewiesen.» Vgl. Zametkin, Alan J., Ernst Monique. Problems in the Management of Attention-Deficit-Hyperactivity Disorder. New England Journal of Medicine. January 7 1999, S. 40-46. S. 40. New England Journal of Medicine. January 7 1999, S. 44.
  • «Eine Analyse der Leistungen in Rechnen und Sprache zeigte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen [mit und ohne Ritalin].» Vgl. MTA Cooperative Group. A 14-month randomized clinical trial of treatment strategies for attention deficit/hyperactivity disorder. Archives of General Psychiatry 56 (1999), S. 1080.

 

 Wirkliche Hilfe statt Ritalin

Franco ­ ein Fallbeispiel

von Dr. phil. Judith Barben, Kinderpsychologin, Baden bei Zürich

Der folgende Ausschnitt aus einer Erziehungsberatung und Kindertherapie zeigt, wie sich eine sogenannte «Verhaltensauffälligkeit» durch ein ungünstiges Beziehungsmuster in der Eltern-Kind-Beziehung einspielen kann. Auch die Geschwistersituation spielt eine wichtige Rolle. Wie die meisten Eltern legen auch die Eltern von Franco ihre volle Fürsorglichkeit in die Erziehung ihrer Kinder und sind froh, Hilfe und Unterstützung zu erhalten.

Francos* Mutter sucht Rat bei der Kinderpsychologin, weil sie mit ihrem achtjährigen Sohn nicht mehr weiter weiss. Franco muss die zweite Klasse wiederholen, obwohl er den Leistungsstand hat. Die Lehrerin sei der Meinung, mit seinem Verhalten könne er in der dritten Klasse nicht bestehen. Er störe oft den Unterricht, höre nicht zu und habe viel Streit mit den anderen Kindern. Die Mutter glaubt, dass die Lehrerin verkenne, dass Franco sich nicht wehren könne. Die anderen würden zu ihm «Fettsack» sagen, was ihn sehr verletze. Die Mutter ist einverstanden, dass die Psychologin mit der Lehrerin telefoniert, um deren Eindruck zu erfahren.

Die Lehrerin ist der Meinung, dass Francos Eltern Hilfe brauchen. Sie zeichnet ein sehr differenziertes Bild von dem Buben. Der Knabe sei im Rechnen sehr schwach, in der Sprache gehe es einigermassen, doch das Hauptproblem sei sein Verhalten in der Klasse. Er könne sich an keine Spielregeln halten, dränge sich immer vor, kritisiere die anderen Kinder und trete sie, wenn sie sich wehren würden. Er wolle stets der Beste sein. Im mündlichen Unterricht arbeite er nie normal mit. Oft nehme er anderen Kindern Dinge weg oder spucke sie an. Franco fehle wohl die innere Zuversicht, dass er mit den anderen Kindern mithalten könne und deshalb versuche er auf negative Weise, Aufmerksamkeit zu erhalten.

 

Eifersucht auf den jüngeren Bruder

Als Francos Eltern zum ersten Gespräch kommen, ist die Mutter völlig aufgelöst. Am Vortag habe sie einen Nervenzusammenbruch gehabt, berichtet sie, und der Vater habe früher nach Hause kommen müssen, um sie zu beruhigen. Der Anlass sei eine Zündelei mit drei anderen Knaben gewesen. Mit einem Feuerzeug hätten die vier einen Stapel alter Zeitungen angezündet, was zu Aufruhr im Quartier geführt habe. Die Eltern der anderen Knaben seien zu Francos Eltern gekommen und hätten Franco beschuldigt, an allem schuld zu sein. Er habe ihre Söhne zu der Dummheit angestiftet. Die Mutter sagt, sie halte die ständigen Klagen über Franco nicht mehr aus.

Auf die Frage, wie es zu Hause gehe, erzählen die Eltern offen, dass Franco sehr eifersüchtig auf seinen viereinhalb Jahre jüngeren Bruder sei. Seit dessen Geburt sei er schwierig geworden und unternehme alles, um die Mutter in Sorge und Aufregung zu versetzen. Der Vater rede jeden Abend beim Schlafengehen mit ihm, er müsse sich bessern, doch es nütze nichts. Die Psychologin erzählt von einem Mädchen, bei dem die Eltern, Grosseltern und Tanten sich seit der Geburt der jüngeren Schwester jede erdenkliche Mühe gegeben hätten, damit sie keinen Grund zur Eifersucht habe. Doch gerade dadurch habe sich bei diesem Mädchen das Gefühl entwickelt, dass die Kleine eine Bedrohung für sie sei. Da bestätigen Francos Eltern spontan: Ja, genau so sei es bei ihnen auch gewesen, immer hätten sie darauf geachtet, dass Franco keinen Grund zur Eifersucht habe, und dennoch sei er so eifersüchtig. Die Mutter meint, dass sie den Älteren immer etwas bemitleidet habe. Nun fragt die Psychologin, ob die Mutter Franco aus diesem Mitleid heraus vielleicht zu wenig Führung gegeben habe. Ja, sagt die Mutter erstaunt, bei Francos Störaktionen habe sie oft gedacht: Er hat es halt schwer wegen des jüngeren Bruders.

Veränderte Haltung der Eltern

Die Psychologin erklärt den Eltern, dass jedes Kind ausprobiert, wie die Eltern reagieren und wo es ein Echo bekommt. Deshalb sei es wichtig, dass die Mutter versuche, ihre Sorge wegzulassen und ihrem Älteren zuzutrauen, sich wie ein vernünftiger Achtjähriger zu benehmen. Sie solle bewusst darauf achten, Franco nur eine kurze Korrektur und sonst kein Echo zu geben, wenn er sich im Negativbereich bewege. Hingegen solle sie sich bei normalem oder positivem Verhalten herzlich zuwenden. Dem Vater rät die Psychologin, mit Franco nicht mehr so belastende Gespräche beim Schlafengehen zu führen. Beide Eltern sind froh, endlich eine Anleitung zu erhalten, wie sie mit Franco umgehen können.

Beim nächsten Mal berichten die Eltern, dass es viel besser gegangen sei. Der Mutter ist es gelungen, Franco ihre Sorge nicht mehr zu zeigen. Zum Beispiel verkündete er am Morgen, er gehe heute nicht zur Schule. «Das musst du selber wissen», meinte die Mutter gelassen, «das ist mir gleich.» Erstaunt blickte der Knabe sie an und machte sich auf den Weg. Am Abend sagte er irritiert: «Mami, du bist irgendwie anders als sonst.»

Auch der Vater ist gelassener geworden und lässt die belastenden Gespräche am Abend weg. Die Psychologin ermutigt die Eltern, so weiterzufahren. Da fragt die Mutter «Aber warum macht er das bei mir? Hat er mich nicht gern?» Die Psychologin erinnert daran, dass Franco bisher durch Negativverhalten von der Mutter Zuwendung und Beachtung bekam. Jetzt sei er daran, etwas Neues, für das Leben Tauglicheres zu lernen und sie als Mutter müsse ihm den Weg dabei zeigen und ihm behilflich sein.

Franco beginnt konstruktiv mitzutun

Nun will die Psychologin Franco kennenlernen. Als sie ihn im Wartezimmer abholt, schaut er zu Boden und klammert sich an die Mutter. Er will, dass diese mitkommt und folgt der Psychologin nur zögernd. «Jetzt will ich einmal sehen, wie du rechnen kannst», fordert sie ihn freundlich auf und legt ihm einige Aufgaben vor. Sie stellt fest, dass er einfachste Rechnungen mit den Fingern rechnet und Mühe hat, sich im Zahlenraum zu orientieren. Sie zeigt ihm, wie er mit dem Kopf statt mit den Fingern rechnen kann, und es geht besser. Zum ersten Mal schaut er sie an. Sie spricht ihm Mut zu, dass er ein guter Schüler werden kann, wenn er so weitermacht.

Die veränderte Haltung der Eltern und die Ermutigung der Psychologin wirkt sich bald positiv auf die Schule aus. Franco stört weniger, und immer wieder gelingt es ihm, ganze Schulstunden konstruktiv mitzutun. Zur Belohnung für sein gutes Verhalten bekommt er von der Handarbeitslehrerin ein Stoffherz, und die Lehrerin lobt ihn. Offenbar hat ihn das Zutrauen der Mutter so gestärkt, dass er in der Schule besser mitarbeiten kann.

Beim einem nächsten Gespräch ist die Mutter wieder ganz aufgelöst. Franco hatte wegen Krankheit der Lehrerin Unterricht bei einer Vertretungslehrerin und wurde wegen seines schlechten Verhaltens nach Hause geschickt. Auch am nächsten Tag darf er nicht zur Schule gehen. Die Psychologin meint, dass das kein Grund zur Aufregung sei, sondern ein Anlass für Franco zu lernen, dass sein Verhalten Konsequenzen habe. Das leuchtet der Mutter ein. Es gelingt ihr, am nächsten Tag gelassen zu bleiben und Franco weder zu bedauern noch mit ihm zu schimpfen.

 Positive Auswirkung auf die Familienstimmung

Im darauffolgenden Elterngespräch strahlen beide Eltern. Sie sind erleichtert, dass es besser geht. Franco packe die Dinge mehr an, berichten sie. Nun wolle er zum Fussballclub, ob das nicht eine Überforderung sei. Ganz im Gegenteil, meint die Psychologin, ein Mannschaftssport könnte sein Selbstwertgefühl sehr stärken.

Der Vater erzählt, dass es ihm zu schaffen macht, dass Franco immer noch so schreit, wenn ihm etwas nicht passt. Die Mutter lässt sich dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen, und Franco hört dann jeweils recht schnell auf. Es stellt sich heraus, dass der Vater sich vor den Nachbarn schämt und deshalb in Aufregung kommt. Er nimmt sich vor, nicht mehr an die Nachbarn zu denken und mit Ruhe auf Francos Geschrei zu reagieren. Die Mutter bringt zum Ausdruck, dass sie sich von der Psychologin verstanden und unterstützt fühlt und dass sie oft schon der Gedanke beruhigt, die Situation wieder mit ihr besprechen zu können. Das neue Verständnis dafür, was sich zwischen ihr und Franco abspielt, ermöglicht ihr, die Beziehung zu ihm anders zu gestalten.

Dass die Eltern den Mut hatten, sich ernsthaft mit Franco und ihren eigenen Gefühlsreaktionen auseinander zusetzen, hat sich sehr positiv auf die Familienstimmung ausgewirkt. Damit ist der Anfang für die weitere gemeinsame Arbeit der Psychologin mit Franco und seinen Eltern gemacht.

Hirnforscher stellt
gängige Erklärungsmuster in Frage

jb. Professor Gerald Hüther, Neurobiologe und Hirnforscher an der Universität Göttingen, stellte in seinem Tagungsreferat in Bregenz die gängige Hypothese der Ritalinbefürworter in Frage, dass die mit «ADHS» etikettierten Kinder einen Dopaminmangel1 im Gehirn hätten und sich deshalb nicht konzentrieren könnten; die Zappeligkeit dieser Kinder, so lautet die gängige These weiter, sei Folge dieser Konzentrationsschwierigkeiten, und da Ritalin die Dopaminausschüttung stimuliere, könnten diese Kinder sich nach der Ritalineinnahme besser konzentrieren und würden dadurch ruhiger.

Professor Hüther vermutet gerade das Gegenteil! Mit «ADHS» etikettierte Kinder hätten nicht einen Dopaminmangel im Gehirn, sondern einen Dopaminüberschuss. Dieser Überschuss erkläre die übermässige Zappeligkeit. Durch das Ritalin würde die Dopaminausschüttung noch weiter stimuliert, was aber nicht zu einer erhöhten Aktivität führe, da diese Kinder bereits überaktiv seien und den Unterschied kaum noch merken würden. Nach kurzer Zeit trete dann aber ein Dopaminmangel auf, weil die Dopaminspeicher durch die massive Ausschüttung entleert seien. Der so entstandene Dopaminmangel bewirke die vorübergehende Beruhigung nach der Ritalineinnahme.

Die Gegensätzlichkeit dieser beiden Theorien zeigt auf, wie ungeklärt die hirnorganische Grundlage der sogenannten kindlichen Hyperaktivität ist. Zieht man zudem in Betracht, wie wenig auch über den tatsächlichen Wirkmechanismus von Ritalin bekannt ist, fragt man sich, wie wir dazu kommen, einen solchen Stoff so bedenkenlos an unsere Kinder abzugeben. Die breite und unkritische Verwendung von Ritalin steht in auffälligem Kontrast zur Unkenntnis über seine Wirkung. Einig ist sich die Fachwelt über folgendes:

1. Es gibt kein allgemein akzeptiertes Diagnoseverfahren für «ADHS».2

2. Es gibt keine bekannte organische Ursache für «ADHS».3

3. Der Wirkmechanismus von Ritalin im Gehirn ist nicht hinreichend geklärt.4

Professor Hüther warnte vor den noch wenig erforschten langfristigen Folgen des Ritalins. Ergebnisse von Tierversuchen lassen – so Hüther – befürchten, dass das Mittel die Ausreifung des Dopaminsystems irreversibel schädigt und dass Spätschäden wie die gefürchtete Parkinsonkrankheit (Schüttellähmung) auftreten könnten. In Tierversuchen stellte man fest, dass die chronische Verabreichung von Ritalin die Dichte der Dopamintransporter im Corpus striatum (einer Struktur im Mittelhirn, die Motorik und Motivation steuert) deutlich senkte. Diese Verminderung der Dopamintransporter erholte sich – auch nach Absetzen des Mittels – nicht.5 Bei langfristiger Ritalineinnahme ist deshalb auch beim Menschen mit einer Verminderung der Dichte der Dopamintransporter zu rechnen, was für die Parkinsonkrankheit typisch ist. Bei diesen Patienten ist die Dichte der Dopamintransporter um bis zu 71 Prozent reduziert. Ganz offensichtlich ist es nicht zu verantworten, mit einer so potenten Droge wie Ritalin in ein derart komplexes und sensibles Gefüge wie das menschliche Gehirn einzugreifen.

Mit einem Vergleich zeigte Professor Hüther die Unfähigkeit der Hirnforschung – trotz enormer Fortschritte – auf, menschliches Verhalten, Denken und Fühlen zu beschreiben, geschweige denn zu erklären: «Trotz der inzwischen erreichten, recht beachtlichen Sensitivität und Auflösung unserer bildgebenden Verfahren [für Vorgänge im Gehirn] sind wir noch weit davon entfernt, diese Bahnungsprozesse darstellen zu können. Was wir mit diesen Techniken gegenwärtig erkennen können, ist bestenfalls vergleichbar mit dem, was eine Luftbildaufnahme einer Grossstadt im Nebel über das Leben der Menschen in dieser Stadt aussagt. Wir können die Lage und Grösse einzelner Stadtteile und die Breite besonders befahrener Verbindungsstrassen vermessen. Mit Hilfe der funktionellen Verfahren lässt sich erkennen, in welchen Regionen normalerweise mehr Betriebsamkeit herrscht und wie sich die Verhältnisse ändern, wenn mehr oder weniger gezielt in das alltägliche Getriebe eingegriffen wird.»6

Trotz des geringen Wissens, angesichts der Komplexität geistig-seelischer Abläufe sind die gesicherten Befunde der neueren Hirnforschung von grosser Bedeutung. Sie bestätigen die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung: «Da das Gehirn zeitlebens plastisch ist und die in ihm entstandenen Verschaltungen entsprechend veränderbar sind, kann man sich auch noch als Erwachsener für eine neue Art der Verwendung entscheiden, wenn man feststellt, dass man gewisse Fehler gemacht hat.» Eine wichtige Voraussetzung zur lebenslänglichen Lernfähigkeit liegt dabei insbesondere in sicheren und verlässlichen Bindungen zu anderen Menschen.7

1 Dopamin (DA) ist ein Botenstoff (Neurotransmitter) im Gehirn, der an den Schaltstellen zwischen den Nervenzellen (Synapsen) Impulse von einer Nervenzelle zur nächsten überträgt. DA wird bei Erregung freigesetzt.

2 «Die Ätiologie des hyperaktiven Syndroms ist nicht bekannt, und es gibt keinen diagnostischen Test.» Vgl. Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2284.

3 Zametkin, Alan J., Ernst Monique. Problems in the Management of Attention-Deficit-Hyperactivity Disorder. New England Journal of Medicine. January 7 1999, S. 40-46. S. 40.

4 vgl. Artikel «Seelische und körperliche Folgeschäden der Ritalineinnahme» auf S. 9

5 Moll, G.H., Hause, S., Rüther, E., Rothenberger, A., Hüther, G. Early methylphenidate administration to young rats causes a persistent reduction in the density of striatal dopamine transporters. J. Child Adolesc. Psychopharmacol. 2001; 11:15-24.

6 Hüther Gerald, Adler Lothar, Rüther Eckart. Die neurobiologische Verankerung psychosozialer Erfahrung. Zsch. Psychosom. Med. 45, 2-17, 1999, S. 14.

7 Gebauer Karl, Hüther Gerald. Kinder brauchen Wurzeln. Düsseldorf, Zürich, 2001, S. 17.

 Hyperaktivität und Bewegungslinie
des Kindes

Möglichkeiten der Begleitung in der Beziehung zum Kind für Eltern, Kinderärzte, Kinderpsychologen und Lehrer

von Dr. Anita Schächter, Psychologin, Heitersheim

Jede Mutter, jeder Vater, jeder, der mit Kindern arbeitet, weiss um die Einzigartigkeit des Kindes und einer jeden Familienkonstellation. Aus der psychologischen Arbeit mit Kindern lässt sich sagen, dass es möglich ist, hyperaktive Kinder oder besser gesagt, Kinder, die sich in ihrer Aktivität schlecht steuern können, in der Beziehung so zu begleiten, dass sie innerlich ruhiger werden. Vertreter der Bindungstheorie kommen zum selben Schluss. Diese Begleitung erfordert in erster Linie Geduld und Sorgfalt im Verstehen und auch eine Kooperation zwischen Kind, Eltern, Kinderarzt, Lehrerin und gegebenenfalls auch Kinderpsychologen.

Voraussetzung für effektive Hilfe ist, dass es gelingt, den Unruhepunkt im Lebensgefühl des Kindes herauszuschälen, was ein Einfühlen in seine innere Bewegungslinie voraussetzt. Den Begriff der Bewegungslinie hat ursprünglich Alfred Adler geprägt. Er umfasst einerseits das Gefühl des Kindes von sich selbst, das heisst seine Selbsteinschätzung, aber auch das Erleben der Mitmenschen und der Lebensaufgaben, die vor ihm liegen. Gleichzeitig erfasst der Begriff aber auch die individuelle Art und Weise, mit der das Kind sich aus diesem gefühlsmässigen Erleben heraus im Leben bewegt: Wie es sich in die menschlichen Beziehungen eingibt und wie es das Leben – zum Beispiel das schulische Lernen – zu bewältigen sucht.

Diese Bewegungslinie zu erfassen, erfordert das Gespräch mit den Eltern, dem Kind, das Beobachten der Interaktion zwischen beiden. Dann ist es möglich, das Kind in seiner individuellen Gefühlslage und damit auch seine inneren Unruhe zu verstehen und es daraus heraus zu begleiten. Die praktische Arbeit mit dem Kind ist immer kleinschrittig, erfordert Geduld und ist von Rückfällen begleitet.

Das klingt abstrakt, ist aber ganz lebensnah, wie folgendes Beispiel zeigt:

Julian*, 9, ist ein Kind wie viele andere und doch ganz Julian. Er wurde über ein Jahr mit Ritalin behandelt. Diagnose: Aufmerksamkeitsstörung ADS mit Hyperaktivität. In der Erziehung war es nie so leicht, ihn zu führen. Julian schluckte die verordneten Tabletten nicht gerne. Die Eltern waren skeptisch. Nun suchten sie Hilfe bei der Kinderpsychologin. In der Woche nach dem Elternerstgespräch kam Julian zum ersten Mal.

Das Gespräch kam auf Ritalin, das er bis vor kurzem eingenommen hatte: «Julian, du hast doch mal so Tabletten genommen?» «Ja, das war Ritalin», stimmt er spontan zu. «Und, wie haben die gewirkt?» Julian schaute mich an und antwortete ebenso spontan: «Schlapp, müde war ich davon. Ich hab nicht mehr gerne gegessen, alles war langweilig, es war gar nichts mehr so wie früher.» «Und was ist jetzt anders?» «Jetzt kann ich mich mehr bewegen, vorher war ich so schlapp. Alles macht mehr Spass.»

Seine konzise Antwort beeindruckt in ihrer Klarheit. Seine Offenheit, die bei jenen lebendigen Kindern häufig anzutreffen ist, bestärkt mich ihn zu fragen, wobei er denn Hilfe brauchen könnte. Er überraschte wieder mit seiner spontanen Antwort: «Du kannst mir helfen, dass ich nicht gleich so wütend werde, mich nicht so aufrege über Dinge.»

Julian macht es einem leicht, mit ihm gemeinsam herauszuarbeiten, in welchen Situationen er seine Wut aufschäumen lässt. Es sind Situationen, in denen er sich ungerecht behandelt fühlt oder nicht der Beste ist. Das Ritalin «erteilte» seinen Gefühlen der Wut ein «Auslebeverbot», fesselte die Wut, ohne sie zu beheben. So kam es nicht mehr zu den häufigen Ausbrüchen bei Julian. Doch das Ritalin tat noch mehr an Wirkung, es legte sich bleiern über seinen gesamten Gefühlshaushalt. Es führte zu keiner Reifung in der Entwicklung der höheren Ich-Funktionen, es ermöglichte ihm auch nicht, an den für ihn entscheidenden Punkten weiterzulernen, zu reifen. Denn der entscheidende Punkt im inneren Ablauf heisst ja, herauszufinden, was das Kind selbst tun kann, um die kritischen Situationen befriedigender zu gestalten.

Dies hiesse zu lernen, was genau ihn so wütend macht, zu lernen, wie die Konflikte sich anders lösen lassen, zu lernen, wie man mit Wutgefühlen anders, besser umgehen kann, zu lernen, wie adäquate Konfliktlösestrategien aussehen, die im Leben tragen – das ist die Aufgabe, vor der Julian, und mit ihm die anderen Leidensgenossen auch, stehen.

Es ist jeweils eine fachliche Herausforderung, die Psychodynamik des Kindes genau herauszuarbeiten. Der anspruchsvollere Schritt besteht jeweils darin, mit den Eltern eine Form der Kooperation zu entwickeln, die dem Kind das Erarbeiten alternativer Bewältigungsstrategien ermöglicht. Hier möchte ich als Psychologin noch einen Schritt tiefer gehen: Nicht das Verhalten, sondern das Kerngefühl bedarf einer Korrektur. Die Eltern müssen verstehen können, was im Kind vorgeht. Sie müssen nachvollziehen, wo sie das Kind missverstehen, möglicherweise zu viel von ihm erwarten, zu schnelle Erfolge sehen wollen, worüber sie sich ärgern beim Kind, es somit ungünstig begleiten.

Hierbei interessiert uns Psychologen nicht nur das, was zwischen zwei Menschen passiert, sondern auch das «Wie», die Qualität des Wechselspiels. Die Qualität meint das, was sich im Gefühl der Mutter und im Gefühl des Vaters und auch des Kindes abspielt. Dies aufzuschlüsseln ist psychologische Feinarbeit. In einer Stimmung des Vertrauens gilt es herauszuschälen, was aus der eigenen Lebensgeschichte in die Beziehung zum Kind hineinspielt. Es kann sein, dass ein Elternteil beim Geschwister mehr mitlebt, es kann sein, dass ein Elternteil dann besonderes Echo gibt, wenn das Kind Erfolg oder Misserfolg hat usw. Das alles baut das Kind in sein Selbstbild ein, es zieht Schlüsse daraus, Schlüsse, die privatlogisch und somit oft fehlerhaft sein können. Dieses ganze Geflecht gilt es zu verstehen. Die Ressourcen und die Schwachpunkte müssen sauber herausgearbeitet werden. So kann man lernen, aus einer inneren Nähe heraus, aus dem echten Verstehen der kindlichen Gefühlslage das Kind so zu ermutigen, dass es sinnvollere und tragfähigere Lösungsstrategien für sein Leben entwickelt.

Ich habe oft erlebt, dass es im Verlauf von Monaten und Jahren möglich war, das Kind aus seiner inneren Unruhe herauszubegleiten, so auch bei Julian. Der Erfolg ging immer zu einem grossen Teil auch auf das Konto der Eltern, die sich anleiten liessen, dem Kind anders zu begegnen und sich in das Kind und in ihre eigenen Gefühle einzufühlen. Der Erfolg tritt immer dann ein, wenn das Kind in der Beziehung zu den Eltern, zum Kinderarzt, zum Lehrer, zur Erzieherin, zum Psychologen eine korrigierende emotionale Erfahrung macht. Das heisst, dass es erlebt, dass man anders auf es eingeht, ihm anders begegnet, es anders sieht als es das aufgrund seines inneren Modells erwartet. Das Kind anders zu sehen, anders bei ihm mitzuschwingen, ihm Dinge zuzutrauen und ihm auch zu zeigen, wie es einen konstruktiveren Weg in der Beziehung beschreiten kann, ist dann, wenn diese Erfahrung von Dauer ist, der Weg der Veränderung.

Diese Alternativen auszuschöpfen ist ein tragfähiger Weg im Umgang mit ADS

Vortrag, gehalten anlässlich der Tagung der Internationalen Hippokratischen Gesellschaft am 23. März 2002 in Bregenz..


 Emotionale Hintergründe von Konzentrationsschwäche
und Hyperaktivität

von Dr. Andreas Bau, Kinderarzt, Hamburg

Viele Mütter von hyperaktiven Kindern berichten, dass ihre Kinder im Säuglingsalter langanhaltend geschrieen haben, im Kleinkindalter über Tische und Bänke gingen und im Kindergarten schwer zu lenken und auffallend unruhig waren. In der Schule zeigten sie sich als Störenfried, Zappelphilipp oder als Träumer.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen frühkindlichen Erfahrungen und der später auftretenden Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung?

Das tägliche mehrere Stunden anhaltende exzessive Schreien von jungen Säuglingen ist Kinderärzten und Kinderpsychologen eine geläufige Problematik. Die Säuglinge werden als «Schreibabies» bezeichnet. Die medizinische Diagnose lautet Dreimonats- oder Trimenonkolik. Je nachdem, wie die Mutter selbst emotional auf diese Situation reagiert, kann sich hier in der sich entwickelnden Mutter-Kind-Beziehung ungewollt eine Störung ergeben: Mütter, denen es nicht gelingt, ihre schreienden Säuglinge zu beruhigen, geraten oft seelisch in Not. Sie haben das Gefühl zu versagen, und sie stellen ihre natürliche Mütterlichkeit in Frage. Nicht selten fühlt sich die Mutter von ihrem Baby abgelehnt oder sogar kritisiert. Auch Zweifel an ihrer Mutterliebe kommen auf. Häufig suchen die Mütter mit solchen Problemen als erstes die Praxis des Kinderarztes auf.

Zu den Ursachen des Schreiens ist sehr viel Fachliteratur erschienen. Nach Ausschluss anderer organischer Ursachen werden Darmkoliken, Blähungen, vielfältige Formen von Allergien, zu hastiges Trinken mit Luftschlucken oder auch konstitutionelle Faktoren verantwortlich gemacht. Die Liste der vermuteten Ursachen ist lang. So ist auch die Liste möglicher Behandlungen lang. Die Säuglinge erhalten sehr häufig Medikamente – die oft nicht helfen – oder werden mit Spezialnahrung gefüttert. Leider wird die seelische Situation der Mütter oft viel zu wenig erfasst, obwohl sie gerade in einer solchen, Kind und Mutter belastenden Situation, besonderer Beachtung bedürfte.

Bei genauer Beobachtung der Interaktion zwischen Mutter und Kind stellt der geschulte Kinderarzt nämlich oft fest, dass die Mutter die Signale ihres Babys falsch deutet und ihm kein adäquates Echo gibt.

Der junge Säugling zeigt verschiedene Aufmerksamkeitsbedürfnisse. Diese gefühlsmässig richtig zu erfassen und darauf richtig zu reagieren, ist für die Entwicklung von Urvertrauen und einer sicheren Bindung von entscheidender Bedeutung. Die Möglichkeit, seine Bindungsbedürfnisse auszudrücken, ist dem Säugling evolutionsbiologisch in die Wiege gelegt. Darauf basiert die allmähliche Integration des verhaltensbiologisch vorgegebenen Repertoires an Mitteilungen innerer Zustände in eine allmählich sich entwickelnde Individualität. Der sehr junge Säugling reagiert in dieser noch nonverbalen Entwicklungsphase auf mangelnde Feinfühligkeit der Bindungsperson mit Weinen, Schreien, Blickvermeidung, gelegentlich auch mit Nahrungsverweigerung. So geht er mit Stress und Unbehagen um.

Auch wenn die Mutter von aussen betrachtet ihre mütterliche Rolle erfüllt, kann es sein, dass sie sich innerlich von ihrem Kind «abkoppelt». Sie lässt das Baby in seiner kleinen oder grösseren Not allein und verstärkt dadurch sein Gefühl des Unbehagens, der Unsicherheit oder der Einsamkeit. Das Baby kann – wenn ein solcher Ablauf sich wiederkehrend einspielt – keine Erfahrung von Sicherheit machen, kein Erleben eines prompten und adäquat-einfühlsamen Gehalten- und Getröstetwerden entwickeln und internalisieren (verinnerlichen). So kann sich ein inneres Modell, eine Erwartung heranbilden, in Momenten der Not ganz auf sich zurückgeworfen zu sein – auch im späteren Leben. Das Baby kann Kooperationsfähigkeit nur ungenügend ausbilden, da der elterliche Anknüpfungspunkt hierfür fehlt. Später, wenn die Eltern das Kind konsequent fordern oder nach dem Prinzip von Lohn und Strafe erziehen, lassen sie das Kind oft wieder im Innersten einsam, unerfasst, haltlos.

Wie wichtig es ist, dass Mütter die Äusserungen ihrer Babies richtig interpretieren, dokumentieren die Erfahrungen einer speziellen Einrichtung in Hamburg: Eine erfahrene Kinderpsychologin gibt Müttern von exzessiv schreienden Säuglingen eine genaue Anleitung. Sie beobachtet gemeinsam mit der Mutter die Signale des Babies und übersetzt sie. So lernt die Mutter, ihr Kind gefühlsmässig zu verstehen und ihm richtige Antworten zu geben. Oft hören die Babies schon nach einer Sitzung auf, übermässig zu schreien. Diese erlernbare Fähigkeit der Mutter, die Signale ihres Kindes richtig zu interpretieren und dann ein richtiges Echo darauf zu geben, ist für die Entwicklung von Urvertrauen und einer sicheren Bindung von allergrösster Bedeutung.

Die Entwicklungspsychologen, allen voran John Bowlby, seine Mitarbeiterin Mary Ainsworth und andere haben über die frühe Interaktion zwischen Mutter und Kind geforscht. Insbesondere haben sie die Ursachen für einen Mangel an Urvertrauen und für eine unsichere Bindung untersucht und einen Zusammenhang zur späteren Lebensbewältigung der Kinder hergestellt. Sie haben sich die Frage gestellt, wie frühkindlich erworbene Bindungsmuster mit der späteren Organisation der Persönlichkeit zusammenhängen.

Der zentrale Befund der Untersuchungen von Ainsworth ist: Kinder, deren Mütter auf ihre Signale im ersten Jahr feinfühlig, das heisst prompt und angemessen, reagierten, erwiesen sich als Einjährige in einer fremden Situation als sicher gebunden. In einer anderen Untersuchung zeigte sich, dass Kinder, die mit einem Jahr an ihre Mutter sicher gebunden waren, als Zehnjährige eher über ein festes Freundschaftsnetz verfügten, häufiger einen «besten Freund» oder eine «beste Freundin» sowie weniger Probleme mit Gleichaltrigen hatten als die Kinder, die mit einem Jahr als unsicher gebunden klassifiziert worden waren.

Es gibt eine Reihe von Studien, die belegen, dass Kinder, die über eine sichere emotionale Basis verfügen, sich – unabhängig von ihren tatsächlichen Fähigkeiten – engagierter in Aufgaben vertiefen, zuversichtlicher und kooperativer und dadurch auch erfolgreicher sind als unsicher gebundene Kinder.

Durch hohe kognitive Anforderungen können Gefühle bzw. Gefühlskonflikte aktiviert werden – diese emotionale Belastung kann bei unsicher gebundenen Kindern die Auseinandersetzung mit der kognitiven Anforderungsituation verhindern. Dies erhellt auch, warum hyperaktive Kinder in einer Zweierbeziehung oder in kleinen gut strukturierten Gruppen kaum unruhig sind, weil sie in emotional schwierigeren Situationen auf die Bezugsperson zurückgreifen können. Dagegen kommt die Nervosität der Kinder in Kindergärten, in denen die Kinder wenig angeleitet werden oder in Schulklassen, in denen sehr offen unterrichtet wird, voll zum Tragen. Die Kinder brauchen eine feste, verbindlich handelnde Bezugsperson, die emotional verbindliche Rückmeldung gibt.

Welche Grundlagen ermöglichen die Entwicklung eines stabilen, ausgeglichenen und von Zuversicht in der Alltagsbewältigung getragenen Persönlichkeitskerns?

Das Neugeborene, der Säugling und das Kleinkind brauchen das Erlebnis, dass die Mutter sie versteht in ihrer Freude, in ihrem Kummer, in ihrem Stolz, in ihrer Angst, in ihrem Ärger, in ihrem Ehrgeiz und in ihrer wachsenden Selbständigkeit – überhaupt in all ihren Regungen und Gefühlsschattierungen. Gerade auch in dem noch unausgereiften Ausleben der Gefühle, in den Momenten der Unruhe und Bedürftigkeit ist das Kind existentiell darauf angewiesen, dass die Mutter innerlich bei ihm bleibt. Das Kind braucht ihre Hilfe, um bessere Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln als zum Beispiel einem anderen Kind etwas aus der Hand zu reissen oder es an den Haaren zu ziehen, wenn es auf seinen Kontaktwunsch nicht eingeht. Hier ist die Mutter gefordert, um es mit einem Begriff von A. Buchholz zu sagen, in freier Fühlungnahme zu beobachten, was der innere Ablauf bei ihrem Kind sein mag, in einer vom ruhigen Gefühl getragenen Stimmung mit dem Kind zu sprechen und ihm Lösungsmöglichkeiten vorzuleben und neu zu eröffnen – frei von Zwang und innerer Distanz.

Geht die Mutter innerlich auf Abstand zu den kindlichen Unbehagensäusserungen und lehnt es dafür ab, weil zum Beispiel ihre eigene Gangart im Leben eine angepasstere ist, weil sie selbst ängstlicher ist oder in der Erziehungshaltung dem Kind keine Orientierung gibt, vergrössert sich die Not des Kindes und die Nervosität ufert aus. Dies beobachtet man öfter bei aktiveren Kindern, die schliesslich als Zappelphilipp auffallen. Stillere Temperamente ziehen sich in sich selbst zurück und flüchten in Tagträume («Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität»).

Gerade in der Entwicklungsphase der ersten zwei Lebensjahre ist das adäquate Echo auf die Gefühle des Kindes enorm wichtig. Denn hier differenziert das Kind seine Gefühle aus. Hier erlebt es: «Ich werde verstanden in meinen Gefühlen.» Oder: «Ich bleibe in meiner inneren Welt allein, weil ich in meinen Gefühlen nicht verstanden werde.» Aus klinischen Studien von Kindern, deren Mütter unter Depressionen litten, weiss man, dass diese Erfahrung für das Kind eine innere Orientierung auch in anderen menschlichen Beziehungen ist: das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Ähnliche Gefühle des auf sich Zurückgeworfen-Seins können auch aus einer anders motivierten inadäquaten Haltung der Mutter, zum Beispiel eigener Ängstlichkeit oder Angepasstheit, resultieren. Dem Kind fehlt dann der innere Fixpunkt, die verinnerlichte liebevolle Beziehung zu den Eltern ist dann zu wenig ausgeprägt. Die Nervosität, das Erscheinungsbild der sogenannten Hyperaktivität, ist nur das Symptom, das Anzeichen, dass etwas im seelischen Haushalt des Kindes nicht stimmt. Die zugrundeliegenden, wie auch immer gelagerten Gefühle, die im Wechselspiel mit den Eltern ausdifferenziert wurden, sind das eigentlich Interessante. Wenn das Kind und die Eltern hierin Hilfestellung erfahren, beruhigen sich auch Symptome wie Hyperaktivität oder Unaufmerksamkeit.


Massive Zunahme an Ritalinverschreibungen

zf. Das Bundesamt für Gesundheit der Schweiz (BAG) hat in den letzten Jahren eine massive Ausweitung der Verwendung von Ritalin® (Methylphenidat) festgestellt. Ritalin unterliegt der Betäubungsmittelkontrolle. Aufgrund der alarmierenden Zunahme liess das Bundesamt im Kanton Neuenburg eine Analyse der Methylphenidat-Verschreibungen zwischen 1996 und 2000 durchführen. Dort stieg die verschriebene Gesamtmenge von 1996 bis 2000 um 690 Prozent, hat sich also innerhalb von vier Jahren beinahe versiebenfacht! Die Zahl der Patienten kletterte in derselben Zeit um 470 Prozent, die Dosis pro Patient um 41 Prozent. Die überwiegende Mehrzahl der Rezepte betraf Kinder zwischen 5 und 14 Jahren, mehrheitlich Knaben. Die Situation dürfte sich laut BAG nicht wesentlich von der gesamtschweizerischen Situation unterscheiden.

Quelle: Betäubungsmittel: Entwicklung der Anzahl Verschreibungen für RITALIN® (Methylphenidat) im Kanton Neuenburg zwischen 1996 und 2000. BAG-Bulletin 15, 8. April 2002, S. 284-288.

 

 Uno besorgt über Ritalinboom

zf. Der International Narcotics Control Board INCB, die Drogenkontrollbehörde der Uno, weist in ihrem Bericht 1999 besorgt darauf hin, dass der Gebrauch der stimulierenden psychotropen Substanzen Methylphenidat (Ritalin®) und Amphetamin zur Behandlung von ADD (Aufmerksamkeitsstörung) in vielen Ländern rasant zugenommen hat. Beide Substanzen fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Die USA sind laut der Uno-Behörde mit mehr als 80 Prozent des weltweiten Verbrauchs weiterhin an der Spitze.

In einzelnen amerikanischen Schulen nehmen bis zu 30 Prozent der Schüler Stimulantien. Auch die illegale Verwendung unter amerikanischen Jugendlichen hat extrem zugenommen. Meistens werden die Tabletten von den Jugendlichen zermahlen und geschnupft. Die Uno-Behörde fordert die USA dringend auf, die Verschreibungspraxis von Ritalin und anderer Stimulantien sowie die Diagnosehäufigkeit von ADD genau zu überwachen.

Laut INCB-Bericht waren 1998 die Länder mit den höchsten Verschreibungsraten die USA und Kanada, gefolgt von Neuseeland, den Cayman-Inseln (britisch), Spanien, Australien, Island, Costa Rica, Grossbritannien, Norwegen, Holland, der Schweiz, Israel, Belgien und Deutschland. Wenn die Verschreibungshäufigkeit in diesen Ländern weiterhin so ansteigt wie in den letzen Jahren, könnte der Konsum schon in naher Zukunft ähnlich hoch sein wie in den USA, warnt der INCB.

Quelle: International Narcotics Control Board. Report 1999. United Nations. New York 2000.

 

 Michael ­ ein Fallbeispiel

ab. Michael* ist acht Jahre alt und besucht die zweite Klasse. Er hat einen vierjährigen Bruder. Vor drei Jahren wurde bei Michael die Diagnose «Hyperkinetisches Syndrom mit Aufmerksamkeitsdefizit» gestellt. Seine Eltern haben sich geweigert, ihn mit Ritalin behandeln zu lassen, obwohl der Vorschlag bereits von verschiedenen Instituten und von der Lehrerin gemacht wurde. Sie waren auch in einer kinderärztlichen Spezialpraxis für Kinder, die in der Entwicklung auffällig sind. In dieser Praxis werden ungefähr 3000 Kinder mit Ritalin behandelt. Michaels Mutter und Vater sind Akademiker. Sie stellen an ihn sehr hohe Ansprüche und kritisieren ihn für jeden noch so kleinen Fehler – auch in Gegenwart des kleinen Bruders. Michael wacht fast jede Nacht mehrmals mit Alpträumen auf. In der Schule ist er sehr unaufmerksam, lässt sich leicht ablenken und stört oft den Unterricht. Obwohl die Mutter regelmässig mit ihm Schularbeiten macht und viel mit ihm lernt, macht er in der Schule in den schriftlichen Arbeiten viele Fehler. Die Stimmung zu Hause beim Lernen ist nervös. Die Eltern haben mit ihrem Kinderarzt wiederholt über die Frage gesprochen, wie man dem Sohn helfen kann. Sie konnten die verschiedenen Vorschläge des Kinderarztes nicht annehmen. Sie blieben bei ihrer Meinung, dass das Verhalten ihres Sohnes in den Genen festgelegt sei. Die Mutter sei auch nervös gewesen, habe aber trotzdem recht gut lernen können. Sie kämen aus Polen und wären mehrsprachig aufgewachsen und hätten schliesslich die Schule gut gemacht. Ihrem Sohn stünde alles zur Verfügung, er müsste sich nur hinsetzen. Sie verstünden nicht, dass er das nicht täte, obwohl sie es ihm schon so oft gesagt hätten.

Nachdem sich die Situation in der Schule und das Verhalten zu Hause weiter verschlechtert hatten, suchen die Eltern erneut den Kinderarzt auf. Er spricht sehr deutlich mit den Eltern. Er fordert sie auf, sofort mit der Kritik an Michael aufzuhören. Kritik sei Gift für ihn. Sie sollen den Sohn mit dem Lernen in Ruhe lassen. Für Michael wäre es gut, wenn sie ihn mit seiner Lebhaftigkeit ins Herz schliessen. Sie sollen die positiven Ansätze bei ihrem Sohn herausfinden und bejahen.

Das Echo der Mutter ist zurückhaltend, der Vater schweigt. Der Kinderarzt ist nicht sicher, ob sie vielleicht zu einem anderen Arzt wechseln.

Nach drei Monaten kommt die Mutter wieder und berichtet, dass sich das Verhalten von Michael völlig geändert habe. Er sei ruhiger geworden, habe Freude an der Schule bekommen und schreibe gute Arbeiten. Zu Hause gebe es mit dem kleinen Bruder viel weniger Streit als vorher. Sie habe den Eindruck, der Familienfriede sei wieder eingekehrt.

Auf die Frage des Kinderarztes, was sich geändert habe, erzählt die Mutter: Die deutliche Ansprache des Kinderarztes habe sie aufgerüttelt. Da sie bisher ohne Erfolg alles probiert habe, habe sie den Vorschlag des Arztes, den Sohn nicht mehr zu kritisieren, als letztes Mittel gesehen. Auch habe Michael seit vier Monaten eine neue Lehrerin. Diese habe ihn vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Sie freue sich über seine positiven, lebhaft eingebrachten Beiträge im Unterricht. Michael helfe auch gerne anderen Schülern und sei sehr aufgeweckt. Diese Lehrerin habe ein völlig anderes Bild von Michael als die vorherige Lehrerin. Interessant ist, dass sie den Unterricht wohlwollend, aber klar führt. Die Mutter ist nachdenklich geworden. Sie überlegt, was eigentlich zur Veränderungen in Michaels Verhalten geführt hat. Am meisten freue sie, dass Michael kein Ritalin nehmen musste.  

* Name und Umstände von der Redaktion geändert.

 

Ritalin und der Zappelphilipp


Zappelkinder sind für Eltern, Lehrer und Mitschüler eine Last. Sie als hyperaktiv zu bezeichnen, ist aber eigentlich falsch. Ihr Problem besteht vor allem in ihrer Unfähigkeit sich auf eine Sache zu konzentrieren. Viele Symptome der Erkrankung sind darauf zurückzuführen. Nach dem Urteil von Lehrern sind bis zu 18% der Kinder in deutschen Grundschulen hyperkinetisch/ aufmerksamkeitsgestört.


Um eine hyperkinetische Störung zu diagnostizieren, müssen Informationen aus mindestens zwei Lebensbereichen eingeholt werden (aus der Schule, vom Kindergarten oder von den Eltern). Die Symptome sind in fremdbestimmten Situationen (in der Schule) meist ausgeprägter als in selbstbestimmten Situationen (beim Spielen).


Die Behandlung erfolgt in Deutschland auf verschiedenen Ebenen: Verhaltenstherapie, psychosoziale Intervention und Pharmakotherapie. Letztere wird in der Regel nur eingesetzt, wenn das Kind nicht mehr in der Lage ist zur Schule zu gehen. Das betrifft ungefähr ein Drittel der hyperkinetischen Kinder. Das verwendete Medikament heißt Ritalin und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Es hat verhältnismäßig wenig Nebenwirkungen, die schnell abklingen, wenn das Medikament abgesetzt wird.

Eine der Nebenwirkungen ist Appetitlosigkeit. Der behandelnde Arzt muss das Gewicht der Kinder kontrollieren. Der Wirkstoff Methylphenidat spricht sehr schnell an. Er ist schon 30 bis 45 Minuten nach der Einnahme aktiv, seine Wirkung ist nach vier bis sieben Stunden völlig abgeklungen. Viele Kinder nehmen Ritalin schon beim Aufstehen und sind dadurch in der Schule konzentriert. Wenn sie nach Hause kommen, klingt das Medikament ab und die Kinder haben wieder Appetit. 

In Deutschland scheuen sich viele Ärzte, die Betäubungsmittelrezepte für Ritalin auszufüllen. Einige Kinder sind dadurch untertherapiert. Als alleinige Therapie taugt das Medikament aber nicht. Es hat keinen heilenden Effekt, sondern lindert nur die Symptome. Über die langfristigen Folgen einer Ritalinbehandlung ist außerdem noch nichts bekannt. Zusätzlich zur Behandlung mit Ritalin sollte der Arzt deswegen unbedingt eine Verhaltenstherapie durchführen. Die ist jedoch relativ aufwendig und teuer. Vielleicht auch ein Grund, warum in den USA Verschreibungen von Ritalin in den letzten zehn Jahren um siebenhundert Prozent gestiegen sind. Eine Pille ist billiger als eine Verhaltenstherapie. In manchen amerikanischen Schulen wird das Medikament bedenkenlos an auffällige Kinder verteilt. Es ist fraglich, ob tatsächlich all diese Kinder an einer hyperkinetischen Störung leiden.

Kristin Raabe


Methylphenidate (Ritalin)

Methylphenidate is a medication prescribed for individuals (usually children) who have an abnormally high level of activity or attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD). According to the National Institute of Mental Health, about 3 to 5 percent of the general population has the disorder, which is characterized by agitated behavior and an inability to focus on tasks. Methylphenidate also is occasionally prescribed for treating narcolepsy.

Health Effects

Methylphenidate is a central nervous system (CNS) stimulant. It has effects similar to, but more potent than, caffeine and less potent than amphetamines. It has a notably calming effect on hyperactive children and a "focusing" effect on those with ADHD.

Recent research1 at Brookhaven National Laboratory may begin to explain how methylphenidate helps people with ADHD. The researchers used positron emission tomography (PET - a noninvasive brain scan) to confirm that administering normal therapeutic doses of methylphenidate to healthy, adult men increased their dopamine levels. The researchers speculate that methylphenidate amplifies the release of dopamine, a neurotransmitter, thereby improving attention and focus in individuals who have dopamine signals that are weak, such as individuals with ADHD.

When taken as prescribed, methylphenidate is a valuable medicine. Research shows that people with ADHD do not become addicted to stimulant medications when taken in the form prescribed and at treatment dosages.2 Another study found that ADHD boys treated with stimulants such as methylphenidate are significantly less likely to abuse drugs and alcohol when they are older than are non-treated ADHD boys.3

Because of its stimulant properties, however, in recent years there have been reports of abuse of methylphenidate by people for whom it is not a medication. Some individuals abuse it for its stimulant effects: appetite suppression, wakefulness, increased focus/attentiveness, and euphoria. When abused, the tablets are either taken orally or crushed and snorted. Some abusers dissolve the tablets in water and inject the mixture - complications can arise from this because insoluble fillers in the tablets can block small blood vessels.

Trends in Ritalin Abuse

At their June 2000 meeting, members of NIDA's Community Epidemiology Work Group (CEWG)* shared the following information.

  • The abuse of methylphenidate has been reported in Baltimore, mostly among middle and high schools students; Boston, especially among middle and upper-middle class communities; Detroit; Minneapolis/St. Paul; Phoenix; and Texas.
  • When abused, methylphenidate tablets are often used orally or crushed and used intranasally.
  • In 1999, 165 methylphenidate-related poison calls were made in Detroit; 419 were reported in Texas, with 114 of those involving intentional misuse or abuse.
  • On Chicago's South Side, some users inject methylphenidate (this is referred to as "west coast"). Also, some mix it with heroin (a "speedball") or in combination with both cocaine and heroin for a more potent effect.

Because stimulant medicines such as methylphenidate do have potential for abuse, the U.S. Drug Enforcement Administration (DEA) has placed stringent, Schedule II controls on their manufacture, distribution, and prescription. For example, DEA requires special licenses for these activities, and prescription refills are not allowed. States may impose further regulations, such as limiting the number of dosage units per prescription.


For more information on treating ADHD, please call the National Institute of Mental Health, National Institutes of Health, at 301-443-4513 or visit their Internet address at www.nimh.nih.gov.

* This fact sheet highlights information from the June 2000 meeting of NIDA's Community Epidemiology Work Group (CEWG). CEWG members meet twice yearly to share emerging trends in drug abuse for 21 major U.S. metropolitan areas. CEWG reports are on NIDA's website at www.drugabuse.gov.

1 Nora Volkow, et al., Therapeutic Doses of Oral Methylphenidate Significantly Increase Extracellular Dopamine in the Human Brain, The Journal of Neuroscience, 2001, 21:RC121:1-5.

2 Nora Volkow, et al., Dopamine Transporter Occupancies in the Human Brain Induced by Therapeutic Doses of Oral Methylphenidate, Am J Psychiatry 155:1325-1331, October 1998.

3 Joseph Biederman, et al., Pharmacotherapy of Attention-deficit Hyperactivity Disorder Reduces Risk for Substance Use Disorder, Pediatrics 1999 104:e20.

Stand: 17.05.2013


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